Während die Welt noch wie gebannt auf Moskau blickt, löste in diesen Tagen, abseits der politischen Machtzentren, eine internationale Konferenz die andere ab. Über 1400 Abgesandte von 145 christlichen Kirchen aus insgesamt 40 Ländern trafen sich, erstmals seit 1937, zu einer Weltkirchenkonferenz in Amsterdam. In Stockholm versammelten sich nach mehr als zehn Jahren 1700 Gäste und Delegierte aus 58 Nationen zur XVII. Internationalen Konferenz des Roten Kreuzes. In Interlaken berieten rund 200 Abgeordnete von 16 europäischen Parlamenten über einen Staatenbund Europas und in Luxemburg schließlich kamen 250 Angehörige von 18 verschiedenen Staaten darin überein, daß nur eine Welt-Bundesregierung die Menschheit, vor einer Katastrophe bewahren kann. Es war in den letzten Jahren, weiß Gott kein Mangel an internationalen Tagungen, auf denen man ein Allheilmittel für die durcheinandergeratene Welt zu finden hoffte. Auch an Entschließungen, die auf diesen Tagungen gefaßt wurden und die das verlockende Bild einer glücklicheren Zukunft entwarfen, fehlte es nicht. Indes, unser Glaube, daß der Lauf der Geschichte auf Kongressen entschieden werden könnte, wurde auf eine zu harte Probe gestellt. Auch die Großmächte, deren Vertreter heute in geheimer Aussprache hinter verschlossenen Türen in Moskau tagen, scheinen, ja zu der Erkenntnis gekommen zu sein, daß jene großen Schau-Konferenzen, die soviel Gelegenheit zu Propagandareden und so wenig Möglichkeiten zu positiver Arbeit boten, kein geeignetes Forum mehr für die Lösung politischer Probleme sind. Zweifellos gilt dies nicht für die Erörterung jener Fragen, die nicht auf dem Programm der offiziellen Politik stehen, und so dürfte es mehr als ein glücklicher Zufall sein, wenn sich gerade jetzt – auf dem Höhepunkt der Ost-West-Krise – und innerhalb des kurzen Zeitraums von nur zwei Wochen Diplomaten und Vertreter der Kirchen, Staatsmänner und Parlamentarier aus allen Teilen der Welt in Europa zusammenfanden, um Klarheit über jene Fragen zu gewinnen, die außerhalb, der unmittelbaren politischen Spannungen liegen.

Man muß zwar dem Generalsekretär der UNO, Trygve Lie, Recht geben, wenn er den Plan einer Weltregierung, wie er in Luxemburg verfochten wurde, als "eine politische Fata Morgana" abtut. Von weitaus geringerem politischem Realitätssinn zeugt es jedoch, wenn dem Sachwalter der UNO für die nächste Vollversammlung, die am ‚21. September in Paris zusammentreten wird, zur gleichen Zeit nichts Kühneres einfallen will als – noch einmal – an die Einigkeit der fünf Großmächte zu appellieren und eine Elitetruppe von 1000–5000 Mann als UNO-Polizei zu fordern. Von wieviel mehr Weitblick und politischer Vernunft sprechen da die Ergebnisse, zu denen man in Stockholm und Interlaken gekommen ist. Eine "Magna Charta" zum Schutze der Zivilbevölkerung, der die bitteren Erfahrungen des letzten Krieges zugrunde liegen, war das Schlußmanifest der Konferenz des Internationalen Roten Kreuzes. Der Europäische Parlamentarische Kongreß entwarf ein Grundgesetz für die Vereinigten Staaten von Europa und tat damit den ersten praktischen Schritt auf dem Wege, den Churchill im Mai dieses Jahres auf dem Europa-Kongreß im Haag in großen, aber noch undeutlichen Zügen vorgezeichnet hatte. Demgegenüber klang es beinahe schwärmerisch, wenn John Foster Dulles vor dem Weltkirchenrat in Amsterdam von der "Mobilisierung aller christlichen Kräfte" sprach, die sich vereinen müßten, – um die Schranken, die die Völker trennen, hinwegzuräumen. Schwebt diesen Menschen, die in Amsterdam, Stockholm und Interlaken über eine vernünftigere Welt berieten, eine andere Wirklichkeit vor, als die offizielle Politik sie heute, sieht? Utopien jedenfalls haben sie sich nicht verschrieben. "Romantiker, das sind wir nicht mehr", sagte ein Franzose auf dem Europakongreß, "wir sind Realisten." Gewiß, die Zeit der politischen Träumereien ist vorbei. Die Welt will endlich aus dem gefährlichen Zustand der Ungewißheit und der Halbheiten heraus. Sie wartet darauf, daß aus den Reihen dieser neuen Realisten Männer hervortreten, die das, was sie heute ersehnen, auch verwirklichen.

–sé