Moralische Aufrüstung in Caux

Internationale Konferenzen, Tagungen, Diskussionen ohne Zahl und in Breslau der Friedenskongreß der Intellektuellen, auf dem Delegierte der östlichen und der westlichen Welt haßerfüllt übereinander herfallen! Es ist, als würden durch unheimliche Mächte alle wohlmeinenden Absichten in ihr Gegenteil verkehrt: man versucht die Demokratie zu verwirklichen und zerstört allenthalben ihren inneren Bestand; weltweit ist die Sehnsucht der Völker nach Frieden und doch geht das Gespenst des Krieges um, begleitet von Mißtrauen, Furcht und Sorge. Großangelegte Manöver, riesige Rüstungsbudgets und allgemeine Dienstpflicht, das sind die Themen des Tages. Und während die ganze Welt von Freiheit schwätzt, werden, die Menschen immer mehr zu Slaven ihrer Organisationen.

Kein Wunder, daß man mit leisem Zweifel die Reise nach Caux zur Konferenz für moralische Aufrüstung antritt. Eine jener vielen Konferenzen, wie man zunächst meint, bei denen viel geredet werden wird und am Ende jeder wieder, mit leeren Händen, und enttäuschtem Herzen in seinen verworrenen Alltag zurückkehrt, Freilich, die-Landschaft dort oben,-1000 m über dem bläulich flimmernden Genfer See, aus dem die Türme Chillons emporsteigen und Lord Byrons unvergängliche Verse ins Gedächtnis zurückrufen, der weite Blick in das Rhonetal, das Rainer Maria Rilke zur letzten Heimat wurde, das südliche Licht durchsonnter Herbsttage, dies alles scheint eine besondere Verheißung in sich zu trägen. Und in der Tat ist’schon der ’erste Eindruck dieser Konferenz der einer seltenen Harmonie, eines Beisammenseins beseelter Menschen, über denen der geheimnisvolle Zauber argloser Gemeinsamkeit liegt. Annähernd tausend Teilnehmer aus aller Herren Länder sind hier zusammengekommen. Ein buntes Bild, in dem alle Schattierungen von dem hellen skandinavischen Typ bis zu den dunkelhäutigen Vertretern Burmas und Indonesiens vereint sind. Amerikanische Industrielle, englische Bergarbeiter, französische Bauern, deutsche und italienische Minister, Katholiken und Protestanten, Intellektuelle, Politiker, Gewerkschaftsführer – wollte man eine moderne Arche Noah ausrüsten, so würde man hier eine genügende Auswahl "aller Arten" finden.

Was ist es nun, was all diese Menschen ungeachtet ihrer nationalen, religiösen, sozialen und politischen Verschiedenheiten, die anderwärts unüberwindliche Barrieren bilden, hier brüderlich vereint? Zwei Dinge sind es: einmal die Erkenntnis, daß nicht die Zeitläufte, die Sonnenflecken oder irgendwelche Umstände die Menschheit in jenen chaotischen Zustand gestoßen haben, in dem sie sich heute befindet, sondern daß jener anonyme Begriff Menschheit nichts anderes ist, als die Summe aller einzelnen Menschen, und der Zustand der Welt daher abhängig ist von der Haltung des einzelnen. Daraus folgt, daß heute und überall die Möglichkeit gegeben ist, die Welt zu verändern; man muß nur bei sich selber beginnen und nicht darauf warten, daß andere es tun oder es gar von selber geschieht. Die religiösen Grundlagen der europäischen Zivilisation sind, zerstört worden, sagt Frank Buchman – der Gründer und geistige Vater der Oxford Group, die sich heute "Bewegung für Moralische Aufrüstung" (MRA) nennt – weil die Christen nicht mehr entsprechend ihren Idealen lebten, sondern jeder immer nur vom anderen erwartete, daß er sich diese Maximen zu eigen mache. Diese falsche Haltung dem Leben, den Mitmenschen und den Dingen gegenüber hat zu dem alles überwältigenden Einbruch des Materialismus geführt, zu einer Ichsucht, die schließlich in Familie, Betrieb und Staat jene Art von Raubtiermentalität erzeugt hat, die für die heutige Zeit so charakteristisch ist.

In dieser Situation, so sagt er, ist der Versuch, lediglich die alten christlichen Vorstellungen wieder zu erwecken, nicht ausreichend. Die revolutionäre Leidenschaft des totalitären Materialismus kann nur durch eine ebenso leidenschaftliche geistige Idee auf weltweiter Basis überwunden werden. Es gilt den Menschen, der zur Maschine geworden ist, zum Material in den Schlachten, der Weltkriege, zum Produktions-, mechanismus innerhalb der Friedenswirtschaft, wieder in einen Menschen zu verwandeln, der das Abbild Gottes ist. In diesem Sinne ist die Umkehr jedes einzelnen ein Schritt zur Erneuerung des ganzen Volkes. Welch ungeahnte Möglichkeiten einer wachsenden Kraft und zugleich welche Verantwortung! Man sieht es den Teilnehmern in Caux an, daß sie sich dieser Verpflichtung bewußt sind. Viele von ihnen, gerade junge Menschen, Amerikaner, Norweger, Finnen, Engländer, Schweizer, haben wie vor 2000 Jahren die Fischer vom See Genezareth alles zurückgelassen, ihre Heimat, ihr Studium und ihre bürgerliche Existenz, um im Dienst dieser Idee durch die Welt zu ziehen und den Mitmenschen die Augen zu öffnen. ‚Ein junger Deutscher sagte: "Ich glaubte, in der Napola und im Schützengraben erlebt zu haben, was Kameradschaft ist, aber die echte Gemeinschaft habe ich erst hier gefunden." Wahrhaftig, wenn dies gelingen sollte, den unvermeidlichen Kollektivismus unserer Tage in eine beseelte, sinnvolle Gemeinschaft zu verwandeln, dann allerdings wäre eins der wesentlichen Probleme des zwanzigsten Jahrhunderts gelöst. Eines begreift man hier jedenfalls, daß es im Grunde ein ungeheuer aufregendes Unternehmen ist, in der modernen Welt als Christ zu leben, daß dazu eine Einfachheit, fast könnte man sagen Naivität gehört, deren äußere Erscheinungsform manchmal befremdend erscheint. Und doch ist es das große Abenteuer unserer Zeit.

Freilich gleicht die Atmosphäre von Caux weder einer klösterlichen Insichgekehrtheit noch einer protestantischen Bibelstunde. Es gibt keine Andachten und keine Choräle, aber es gibt Zeiten des gemeinsamen Schweigens und in diesen Zeiten, so sagen die Bekenner der Moralischen Aufrüstung, tut sich Gottes Führung kund und wenn diese individuelle Guidance mitten hineingestellt wird in die Gemeinschaft des Teams, dann erst entsteht lebendige Gemeinschaft. Es wird im übrigen viel gearbeitet in Caux, denn es gibt keine festen Angestellten in dem riesigen Hotelbetrieb, der ausschließlich von den Mitgliedern und Teilnehmern der Konferenz bestritten wird. Doch geht es oft heiter und lustig zu; die Lieder, die der englische und der französische Chor singen, erinnern zuweilen an die Melodien moderner Songs und eine Aufführung, die die Ideen der MRA auf der Bühne darstellt, gleicht mehr einer amerikanischen Revue als einem Mysterienspiel. Aber vielleicht ist das die Form, in der allein der moderne Mensch – und die MRA will ja zu einer Vielfalt von Menschen und nicht zu einer Elite sprechen – Zugang zu einer Welt religiöser Wertungen und Vorstellungen findet.

Marion Gräfin Dönhoff.