Wenn es Deutschland schlecht geht, wird es auch Kultur haben", antwortete der amerikanische Gastdirigent Walter Ducloux auf die Frage, ob man im Ausland an einen neuen kulturellen Aufschwung in Deutschland glaube. Das ist eine Antwort, die wir Deutschen mit sehr gemischten Gefühlen entgegennehmen, besonders, nachdem wir erlebten, mit welchen Schwierigkeiten gekämpft werden muß, wenn man drei Jahre nach Kriegsende in Deutschland ein internationales Musiktreffen durchführen will. Mißtrauen der Behörden, lokale Rivalitäten in Pyrmont – alles wirkte zusammen, um die Sache in Frage zu stellen. Nur der unermüdlichen Energie des künstlerischen Leiters Rudolf Hille war es zu danken, daß schließlich doch noch aus dem Plan Wirklichkeit wurde.

Walter Ducloux dirigierte das erste Konzert der Norddeutschen Philharmonie: Mozarts g-moll-Sinfonie (für deutsche Ohren reichlich überhetzt!), Strawinskijs "Feuervogel" und Debussys "La mer". Als Novität brachte er von dem in Amerika hoch im Kurse stehenden Walter Piston eine Suite "The incredible Flutist"; eine allzu anspruchslose, über die einfachsten Harmonien kaum hinausreichende, dabei erfindungsarme Kirmesmusik. Als wir ihm diese unsere Meinung sagten, meinte Ducloux: "Was wollen Sie? Wir brauchen so etwas in Amerika für die Leute, sie haben ihren Spaß daran!" Vor solchen Argumenten hört freilich jede Diskussion auf; da platzen Welten aufeinander.

Den zweiten Abend leitete Ernest Bour, der ständige Dirigent des Orchestre nationale (Paris). Nachdem er sich an der F-dur-Suite von Roussel als meisterlicher Orchesterbeherrscher . erwiesen hatte, demonstrierte er an der dritten Sinfonie für Streicher von Jean Rivier, mit wie wenig Mitteln man moderne Musik machen kann. Die zündende Wirkung dieses aus rein harmonischen Elementen, gebändigt durch lineare Formung, erwachsenen Werkes war überraschend. "Rivier ist der einzige lebende Musiker in Frankreich, der sich um die Musik eines Bela Bartok und Paul Hindemith kümmert", meinte Ernest Bour. Eine für den Romanen erstaunlich tiefe Ausschöpfung der Achten Beethovens beschloß dies für Künstler und Publikum gleich beglückende Konzert.

Am dritten Sinfonieabend sah man den Londoner Warwick Braithwaite am Pult. Hier gab es neben Werken der deutschen Romantik zeitgenössische englische Musik zu hören: Vaughan-Williams Sechste Sinfonie und Benjamin Brittens "Les Illuminations" (auf Texte von Rimbaud) für Sopran und Streichorchester. Das erste die Schöpfung eines kundigen Meisters, pathetisch und affektgeladen, eine reife Synthese des historisch Gewachsenen mit modernen Stilelementen; das zweite ein Dokument wissender Wirkungssicherheit und kluger Gegensatzberechnung, von der Hand eines Neulandsuchers, der sich führende Geltung zu erringen vermochte. Das Werk hatte in Emelie Hooke eine mit hoher Stimmkultur werbende Fürsprecherin. Als drittes Probestück englischen Musikgeistes steuerte der versierte junge Cellist Gethyn Wykeham-George Edvard Elgars Violoncellokonzert bei. Auch dieser Abend stand im Zeichen überaus lebhafter Resonanz.

Es gab auch noch, die Dauergeltung zu internationalem Besitz gewordener Werte erster Größe zu erhärten, zwei Mozart-Festopern mit prominenten Kräften aus Berlin und Hamburg. Den "Figaro" leitete Professor Wilhelm Sieben (Dortmund), "Cosi fan tutte" Staatskapellmeister Karl Schmidt (Berlin). Im Konzertsaal brachte als Leiter des vierten Orchesterkonzertes Wolfgang Fortner sein eigenes, bedeutendes Violinkonzert – gespielt von dem Meistergeiger Gerhard Taschner – und die erste Sinfonie seines begabten Schülers Hans Werner Henze zu Gehör; eine Talentprobe, die aufhorchen ließ und einen kühn zupackenden jungen Könner von überzeugender Erfindungskraft verriet. Ein Abend unter Walter Goehr interessierte für die Engländer Bax und Tippet. Auch die choreographische Kunst fand ihren Platz, indem die Tanzgruppe "Folkwang" Peter Evers’ Tanzspiel "Das Gespenst von Canterville" (von Trude Pohl nach Oskar Wilde) zur Uraufführung brachte. Eine Darbietung, die ebenfalls im ausverkauften Hause stärksten Widerhall fand.

Zum Abschluß der Musikwochen dirigierte Hans Weißbach (Wuppertal) das letzte Sinfoniekonzert, in dessen Mittelpunkt das nach armenischen Volksweisen effektvoll komponierte Klavierkonzert des Russen Aram Chatschaturian stand, von der jungen amerikanischen Pianistin Margot Pinter mit höchster Bravour und überlegener Musikalität gespielt. Die Vierte Brahms-Sinfonie war der mit rauschendem Beifall quittierte Ausklang. h. g. f.