"Pélerinage international de Lourdes. Prions les uns pour les autres" –: so stand auf den Türen der D-Zug-Wagen, in denen mehr als 1500 deutsche Pilger nach Frankreich reisten.

Lourdes! Die Straßen sind abschüssig, die Häuser an den Felsen hochgebaut, mitten aus der Stadt erhebt sich ein gewaltiger Felskegel, der von einem Kastell gekrönt wird. Der Gave, ein grünfarbiger Gebirgsfluß, braust über schäumende Wehre unter hohen Brücken durch die Stadt. Hohe, steile Berge ringsumher: wolkenbekränzte Schneehäupter der Pyrenäengipfel. Wie erqickend in der Morgenfrühe voll Vogelgezwitscher der erste Atemzug der frischen Bergluft! Wie erfrischend in der brütenden Mittagshitze das Bad in dem eiskalten Wasser des Gave, das sich beklemmend auf die Brust legt! An seinem Ufer haben Jungarbeiter aus Nantes ihre bunten Zelte aufgeschlagen. Sie haben tags zuvor auch an der "Veillée des Jeunes" teilgenommen, spät abends nach den Gottesdiensten. Auf der Plattform, auf der Treppe vor der Kirche lagerte sie gemeinsam, die Jugend der sechsundzwanzig in Lourdes versammelten Völker. Die jungen Arbeiter aus Nantes waren es auch, die mit ihren schönen Fahnen der Gruppe der Deutschen in der Sakramentsprozession jedes Tages voranzogen. Und jeden Abend zogen auch die Deutschen in der Lichterprozession, in der jeder eine Kerze trug, und stimmten in das unzählige Male wiederholte Ave, ave Maria ein, das auch die vielen den Platz umsäumenden Menschen mitsangen, ja in das die ganze Stadt in der Klarheit des hereinfallenden Abends, von den Wellen des Rhythmus getragen, miteinzustimmen schien...

Die Deutschen, die in zwei Sonderzügen zu je achthundert Teilnehmern hatten nach Frankreich fahren dürfen, waren unter den Betern, die Tag und Nacht, an der Grotte des Massabielle-Felsens knieten, an der vor 90 Jahren Bernadette Soubirous mit den Erscheinungen der Gottesmutter begnadet wurde. Sie knieten neben Engländern, Holländern, Franzosen, Schweizern, Spaniern, Italienern, Ukrainern, Marokkanern, auch Neger sah man, und alle beteten in der Art ihres Landes, in einer Echtheit, die erschütterte. Und sie tranken von dem heilenden, klarfrischen Quellwasser, das seit den Tagen der Bernadette der Felsen unerschöpflich hergibt. Deutsche Jugend sang auch gemeinschaftlich mit den Franzosen, Holländern und Ukrainern ihre Volkslieder. Und man spürte, wie das Singen die Menschen ebenso zueinander führte wie auch das Beten, sei es, daß alle in das heilige Esperanto, der Kirche, das Latein, einstimmten, sei es, daß die Bittrufe machtvoll in den verschiedenen Sprachen nebeneinander erklangen. Notre Dame de Lourdes, faites je marche! Notre Dame de Lourdes, faites, que je voie! Notre Dame de Lourdes, faites, que j’entende!

Die heilige Bernadette, das kleine Hirtenmädchen von Lourdes dem die Mutter Gottes sichtbarlich erschien, hatte einst auf Erden nur Feindseligkeiten auszustehen, in dem Kloster, in das sie sich zurückzog, "wie ein Gefäß" – so sagte sie – "das man gebraucht hat und das man nun beiseite stellt". Heute ist das kleine Lourdes schon längst D-Zug-Station und hat einen Flugplatz. Zur Zeit der großen nationalen Wallfahrten sind es oft 70 000 Pilger, die Lourdes auf einmal beherbergen muß, und in diesem Jahr begannen die internationalen Wallfahrten, zu denen Bischof Theas von Lourdes, der Begründer der Pax-Christi-Bewegung, der unermüdliche Apostel des Friedens, eingeladen hat.

Schon diesmal pflanzte sich der Geist der gegenseitigen Achtung und Liebe, der von den vielen Altären von Lourdes gespeist wurde, fort in den vielen Begegnungen der einzelnen Menschen und kleineren Kreise. So trafen sich deutsche und irische Lehrerinnen, so vereinten sich die Compagnons de Saint François mit ihren deutschen, belgischen und holländischen Freunden in einer baskischen Ferme, die die holländische Jugend sich zu ihrem Quartier gewählt hatte. Die Holländer, Schweizer und Saarländer waren es auch, die für die Deutschen französisches Geld sammelten.

Beim Abschied sagte mir mein neuer französischer Freund: "Um mit einem ganz Freund zu sein, muß man zuerst mit ihm zusammen gebetet haben." Walter Engels