Friedlich flatterten an den Fahnenmasten vor dem Leipziger Hauptbahnhof die Flaggen der beteiligten Länder als äußeres Symbol gemeinsamen Wollens. Bald waren drei; Plätze leer: die Flaggen der USA, Großbritanniens und Frankreichs wurden vor der – wie immer sehr feierlichen – Eröffnung der diesjährigen Herbstmesse in aller Stille eingeholt. Dieses demonstrativen Schrittes hätte es wahrlichnicht bedurft, um die von Jahr zu Jahr stärker werdende Bindung der Wirtschaft der Ostzone an den Osten zu dokumentieren .. Daher sind es nicht allein die Transport- und Reiseschwierigkeiten und auch nicht die Spannungen der hohen Politik, die das Gesicht der Leipziger Messe so betont politisch werden ließen.

Die augenblicklichen Schwierigkeiten stempelten Leipzig zur "Messe der Improvisationen". Die Messe-Experten, aus einer altbewährten Tradition schöpfend, versuchten mit mehr oder weniger Erfolg, diese Improvisationen zu überbrücken. Das konnte unter den gegebenen Umständen freilich nicht recht gelingen. – Interessant war es, von dem Vorsitzenden der Ostzonalen Wirtschaftskommission, Rau, zu hören, daß man die noch immer mangelhafte Versorgung der Ostzonen-Bevölkerung zugestand.

Die Besucherzahlen reichten bei weitem nicht an die Zahlen der bisherigen Messen heran. Das wirkte sich natürlichauch auf die Geschäftsabschlüsse aus. Die Niederlande, die Schweiz, Österreich, Irland, Norwegen, Finnland und u. a. Dänemark erteilten Aufträge besonders an Textilien, Papiererzeugnissen und Bürobedarfsartikeln, worin die Ostzone mit hochwertigen Fabrikaten vertreten war. Der Interzonenhandel blieb überaus schwach. Man verwies darauf, daß die Abschlüsse der Frühjahrsmesse über 5 Mill. Mark (was für Mark?) noch immer nicht abgewickelt sind. Trotzdem möchte man mit den Westzonen gern Geschäfte tätigen. Eine Anweisung der Wirtschaftskommission verlangt sogar von den Lieferfirmen der Ostzone die Anrechnung des Preises der Westzonen, während das liefernde Ostzonen-Unternehmen nur den heimatlichen Stopp-Preis vergütet erhält. Leipzigs Chance, noch weiterhin den gesamtdeutschen Markt zu. vertreten, liegt allein in einer Kursänderung der ostzonalen Wirtschaftspolitik. Es wäre verfehlt, schon heute ein Urteil zu fällen; warten wir also, was uns die Frühjahrsmesse bringt –zke.