Von André Maurois

Ein von den Psychiatern und Romanschriftstellern von heute sehr häufig begangener Fehler war, in ihren Studien dem sexuellen Leben zu viel Raum zu geben. Mit einigen wenigen Ausnahmen ist das Schrifttum der letzten dreißig Jahre in England sowohl als auch in Frankreich ein Schrifttum vom Stadtleben, von sattem Wohlstand gewesen, eher für Frauen geschrieben als für Männer. Der Mann vergaß darin eine seiner entscheidenden Rollen, die darin besteht, mit seinen Gefährten um die Erschaffung einer eigenen Welt zu ringen; nicht "einer Welt für dich, Liebling!", sondern einer an sich schönen und wohlgeordneten Welt, einer wunderbaren Welt, einer Welt, der zuliebe er es als seine Sendung fühlte, selbst Liebe, Glück und das eigene Leben zu opfern.

Nach der Veröffentlichung eines meiner Werke, eines Empfindungsromans, schrieb mir ein junger Engländer: "Monsieur, ich verstand die Soldaten – die Helden Ihrer früheren Bücher; es mißlingt mir vollständig, den Haupthelden diesem Buches zu verstehen. Er ist unglücklich; er ist verliebt; er ist eifersüchtig; all das ist nur zu gut möglich. Aber warum schwelgt er die ganze Zeit in diesen düsteren Gedanken? Hat er denn sonst nichts zu tun? Sie sagen, er leite eine Fabrik. Lassen Sie ihn dafür tätig sein, und er wird seine eingebildeten Grillen vergessen."

Dieser Student aus Oxford hatte nicht unrecht. Nicht, daß mein Held nicht lebensecht gewesen wäre. Ich hatte, wie wir das alle jeden Tag tun, Männer beobachtet, die ihm ähneln. Er hatte keinen gesunden Geist. Er hatte sich ein Bild vom Leben geformt, das unvollständig und falsch war. Kiplings Helden, die in Indien mit Sturmflut und Hungersnot kämpfen, haben keine Zeit, "in Gefühlen zu schwelgen". Sie verlieben sich, ja, aber ihre Arbeit bleibt ihre Hauptleidenschaft. Und vor allem verlieben sie sich in Frauen, die ihnen ähnlich sind, die ihre Arbeit achten und fähig sind, ihnen während ihrer Abwesenheit die Treue zu halten.

"Nicht die Frau ist es", schreibt D. H. Lawrence, "die im Mann das Höchste wachruft. Es ist des Mannes eigene religiöse Seele, die ihn, unabhängig von der Frau, zu seiner höchsten Leistung antreibt. Daher das Wort Jesu: "Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?" Jeder Mann, der lebt, muß es erneut zu seiner Frau oder seiner Mutter sagen, wenn er irgendein Werk oder eine Sendung vor sich hat, die aus seiner Seele kommen. Das ist das Gefühl, das die Auflehnung von Tatmenschen oder Künstlern gegen die Götter der Häuslichkeit erklärt und vielleicht entschuldigt. Tolstoi floh das Haus seiner Familie, und seine Flucht wurde zu einem bemitleidenswerten Mißerfolg, denn er hatte zu diesem Akt nutzlosen Mutes bis auf seine alten Tage und das Nahen des Todes gewartet; aber im Geiste war Tolstoi lange vorher geflohen. Der Zwiespalt zwischen seiner Lehre und der ihm – durch seine Familie aufgezwungenen Art zu leben, war unüberbrückbar. Der Maler Gauguin verließ Frau und Kinder, um allein auf Tahiti zu leben und dort endlich seinem Selbst zu leben. Aber die Flucht Gauguins, wie die Tolstois, war ein Zeichen der Schwäche. Der wirklich starke schöpferische Geist wird der Geliebten oder der Familie Achtung vor der Schöpfergabe aufzwingen. Keine Frau regierte im Hause Goethes. Jedesmal, wenn ihn eine Frau Von seiner wahren Sendung abzuwenden schien, die darin bestand, Goethe zu sein,verwandelte er sie in eine Statue. Ich meine, er verarbeitete sie in einen Roman oder ein Gedicht und vergaß sie.

Wenn die Umstände einen Mann vor die Wahl zwischen Liebe und Werk (oder Pflicht) stellen, leidet die Frau, auch wenn sie versteht und nachgibt. Sie weigert sich nachzugeben, wenn ihr das Verständnis fehlt. Arnold Bennett hat einmal ein seltsames Stück über diesen Gegenstand geschrieben. Ein berühmter Flieger heiratete nach vielen Hindernissen eine von ihm geliebte Frau. Diese Frau war ein prächtiges Wesen; zugleich mit Schönheit, Verstand, Liebreiz und Humor ausgerüstet, hatte sie beschlossen, die ersten Tage nach ihrer Verheiratung zu einer zauberhaften Zeit zu machen. Das Paar befindet sich in einem abgeschlossenen Gebirgshotel und ist restlos glücklich. Aber der Mann. erfährt, daß einer seiner Rivalen den Rekord, der seine stolzeste Leistung ist, geschlagen hat oder im Begriff ist, ihn zu schlagen. Sofort packt ihn das Verlangen, sich mit dem andern, zu messen. Die Frau spricht von ihrer Liebe. Er hört geistesabwesend zu, seine Gedanken sind bei der Flugmaschinee, die einiger Verbesserungen bedarf. Endlich, als er Anstalten macht, seinen Wunsch zu gestehen, murmelt sie traurig: "Siehst du nicht, daß in meiner Entwicklung, in meiner empfindlichen Aufgabe als Frau, diese paar Tage zumindest ebenso wichtig sind wie dein Fliegerabenteuer in deinem Leben als Mann?" Aber er versteht das nicht und hat zweifellos recht, es nicht zu verstehen.

Denn wenn die Leidenschaft über seine Sendung im Leben obsiegt, hört ein Mann auf, ein Mann zu sein. Das ist die Mythe von Samson, das die von Herkules zu Füßen der Omphale. Die Dichter haben alle die Versklavung des Helden durch die Liebe geschildert. Der hübsche Paris ist ein schlechter Krieger, Carmen verdirbt ihren Liebhaber, Manon schleppt die ihren von Verbrechen zu Verbrechen. Und die gesetzlich angetraute Frau, die Anspruch darauf erhebt, das Leben ihres Mannes gepachtet zu haben, ist nicht weniger gefährlich.