Fast immer hat der Tod oder die Absetzung eines prominenten Führers in einer Diktatur im Ausland Rätselraten hervorgerufen. Zuweilen waren die Spekulationen und Vermutungen übertrieben und falsch, meistens jedoch begründet und richtig. Auch diesmal gibt der plötzliche Tod Schdanows und die Regierungsumbildung in Belgrad Anlaß zu ähnlichen Überlegungen.

Der 52jährige Generaloberst Andrej Alexindrawitsch Schdanow, Mitglied des Politbüros, des Organisationsbüros und des Sekretariats der Bolschewistischen Partei und Vorsitzender des außenpolitischen Ausschusses des Obersten Sowjets, der als aussichtsreichster Nachfolger von Stalin galt, ist einem offiziellen Kommuniqué zufolge "nach langem schwerem Leiden infolge Herzlähmung" verschieden – die gleiche Krankheit übrigens, an der auch König Boris von Bulgarien und Expräsident Benesch gestorben sind. Die näheren Umstände des plötzlichen Todes des bis zuletzt sehr aktiven und gesund aussehenden Schdanows dürften kaum in der nalen Zukunft bekannt werden. Vielleicht wird dies – genau so wie bei seinem Vorgänger Kirow – erst viel später möglich sein. Als seinerzeit im Jahre 1934 der Parteisekretär, von Leningrad und Mitglied des Politbüros,. Kirow, erschossen wurde, gab man in Moskau bekannt, daß er von einer Kugel der Konterrevolutionäre gefalen sei. Man nutzte damals die Gelegenheit aus und führte eine großangelegte Säuberung durch. Erst im Jahre 1938, als der GPU-Chef Jagoda selbst ein Opfer der immer noch anhaltenden Säuberung geworden war, stellte sich Vor dem Gericht heraus, daß Kirow auf Befehl vom Kreml’ "liquidiert" worden war. Auch die Folgen des Abtretens Schdanows von der Bühne sind naturgemäß in ihrem vollen Umfang noch nicht zu übersehen. Sie können aber von unendlich großer Tragweite sein. Zwischen Molotow und Schdanow bestanden bekannt ich immer grundsätzliche und scharfe Meinungsverschiedenheiten über die sowjetische Außenpolitik. Es hieß, daß Schdanow stets für einen scharfen Kurs gegen die Westmächte gewesen sei. Er sei derjenige gewesen, der es durchgesetzt habe, daß die Sowjets eine feindliche Einstellung gegenüber dem Marshall-Plan einnahmen.

Manche Kenner des Kreml sehen nun nach dem Tode Schdanows die Möglichkeit für ein Einlenken der sowjetischen Außenpolitik überhaupt. Daß solche Erwartungen überaus gewagt sind, steht außer. Frage. Vor allem deswegen, weil in der Generallinie ihrer Außenpolitik zweifellos, weder Stalin noch Molotow jahrelang einen Kurs gesteuert haben können, den sie nicht vollauf billigten. Nichts berechtigt also zu der Annahme, daß sich nun die Machthaber im Kreml durch den Tod Schdanows befreit fühlen. Wohl aber könnteil sie selber darauf gekommen sein, eine neue Politik einzuschlagen, bei der dann die Möglichkeit besteht, Schdanow für das Vergangene zu, belasten.

Viel größer als in der Generallinie war Schdanows Einfluß bei der Lösung der halbaußenpolitischen Probleme. Nachdem er erfolgreich die Einverleibung der baltischen Staaten durchführte und die Aktionen gegen Finnland leitete, widmete er sich nach dem zweiten Weltkriege der Gleichschaltung der Staaten hinter dem Eisernen Vorhang. Er gründete deswegen das Kominform und beschwor den Bruch mit Tito herauf, womit er die Sowjets in eine Sackgasse trieb. Daher war es kaum ein Zufall, daß Außenminister Molotow in der Rede bei den Beisetzungsfeierlichkeiten Schdanows außenpolitische Tätigkeit und das Kominform. überging, um seine Verdienste bei der Vernichtung aller Oppositionsgruppen in Leningrad und seine glänzenden Abhandlungen über Fragen der Literatur, der Kunst und Philosophie um so stärker zu unterstreichen.

Schdanows neue Verdienste also im Kampf gegen den Trotzkisten Tito wurden von Molotow nicht erwähnt. Und es wäre kein Wunder, wenn die sowjetische und die jugoslawische Regierung sich bald wieder versöhnen würden. Schließlich stehen die Trotzkisten den Bolschewisten sicher näher als die Faschisten und die Demokraten, mit denen Stalin abwechselnd auch einmal eng zusammengearbeitet hatte und befreundet war. Insofern ist die Kabinettsumbildung in Belgrad gleichfalls von Bedeutung. Zwar wurde an Stelle des parteilosen Simic zum neuen jugoslawischen Außenminister der vom Kominform verdammte Kardelj ernannt – eine Tatsache, die als neue Herausforderung durch Tito ausgelegt werden könnte. Man darf aber nicht übersehen, daß ein Feind – auch für die Kommunisten – immer noch angenehmer ist als ein Verräter. Und Simic dürfte als Verräter gelten, nachdem er zunächst mit den Sowjets gegen seine eigene Regierung konspirierte, um dann Tito vor dem Putsch zu warnen. Ein Mann also, der in Zukunft für die Sowjets nicht vertrauenswürdig wäre, versank. Ein anderer, der für die Politik des Kominforms verantwortlich war, starb. Vielleicht sind damit alle Hindernisse aus dem Wege geräumt. Nun könnte die sowjetisch-jugoslawische Verständigung beginnen. A. P. Bobew