Von Edgar Gerwin

Mit dem unschuldigsten Gesicht von der Welt hat Rußlands Magier für den Westen, Ilja Ehrenburg, auf dem Breslauer Kongreß zur "Elementargewalt" des Kommunismus bemerkt: "Es ist ebenso sinnlos, uns der Einmischung in fremde Angelegenheiten zu bezichtigen, wie dem Golfstrom vorzuwerfen, daß er sich in das Wirtschaftsleben Norwegens und Dänemarks einmische."

Man wird gut daran tun, an diesen Golfstrom zu denken, wenn man sich um eine Vorstellung von den Besprechungen der vier Militärgouverneure zur technischen Lösung des Berliner Problems bemüht. Im Auftrage ihrer Regierungen und mit detaillierten Richtlinien ausgestattet, sollen die Militärgouverneure und ihre Sachverständigen eine feste Formel für die Währungs-, Finanz- und Transportvoraussetzungen finden, die für die Aufhebung der Berliner Blockade, gebraucht werden. Für die Transporte ist das "Technische" schnell zu klären. Niemand zweifelt ernsthaft daran, daß nicht Bahnarbeiter mit schweren Hebewerkzeugen, sondern die Herren im Kreml mit einem Federhalter die Transporte wieder ins Gleis bringen können und müssen.

Um so schwerer ist die Last für die Währungs- und Finanzexperten. Sie sollen im Golfstrom der russischen Politik den Währungshering fangen, der schon so oft vor und nach der Geldreform im Westen den großen Fischern entging. Sie sollen die Einführung der Ostmark als einzige Währung in Berlin unter Viermächtekontrolle möglich machen. Doch die Ostmark kursiert nicht nur in Berlin. Ihr Umlauf wird von der sowjetischen Emissionsbank gesteuert. Soll man also noch eine Sondermark für Berlin entwerfen? Etwa eine Ostmark mit B-Stempel oder mit Perforation, so wie es jetzt eine Westmark mit Sonderzeichen für Berlin gibt? Aber wer findet eine wirksame Viererkontrolle für eine solche Sondermark? Und wer sorgt dafür, daß die Berliner Ostmark nicht in den Strudel der Zonen-Ostmark gerissen wird, also wer kontrolliert, außer den Russen, die Zonen-Ostmark?

Selbst mit der Kontrolle des Ostmark-Umlaufs ist es, hoch nicht getan. Das Geldvolumen muß nicht nur begrenzt, es muß auch richtig gelenkt werden. Wenn die von den Russen kontrollierte Kreditbank in Berlin, das Berliner Stadtkontor, den Firmen in den Westsektoren Kredite verweigert, läßt sich ein "Austrocknen" West-Berlins inszenieren, das keine Luftbrücke, keine Kredithilfe aus dem Westen verhindern könnte: Man kennt aus der englischen Finanzsprache den Begriff des tap, des Hahns, der auf- oder zugedreht werden kann, je nachdem, ob man durch Kredite die Wirtschaft anregen oder bremsen will.

Schließlich muß die Berliner Wirtschaft, wenn sie eine freie Wirtschaft bleiben soll, auch vor der russischen Handelspolitik geschützt werden, vor einem Auskaufen durch die zahlreichen sowjetischen Gesellschaften in der Ostzone und vor einem Abschnüren von Westdeutschland. Bisher wies die Berliner Zahlungsbilanz einen "Fehlbetrag"von 400 bis 500 Millionen Mark jährlich gegenüber Westdeutschland auf. In Zukunft müßte dieser Fehlbetrag entweder, durch Westkredite für Berlin abgedeckt werden (und man müßte im Westen erst einen Schornstein finden, in dem diese Kredite anzuschreiben wären), oder aber es müßte ein Ausgleich des Handels erfolgen. Kann man aber schon jetzt durch Experten die künftige "Handelspolitik" der Russen und der von ihnen beherrschten Deutschen Wirtschaftskommission in Berlin entsprechend und lückenlos festlegen?

Ließe sich dies auch alles regeln; so stößt man in der Frage des Wechselkurses doch auf die gefährliche Klippe des politischen Prestiges. Dem Vernehmen nach verlangen die Russen immer wieder ein Verhältnis 1:1 zwischen Ost- und Westmark. Trotz mancher dunkler Manöver hat sich jedoch in Berlin ein Tauschverhältnis von mindestens 2,40 Ostmark für die Westmark herausgebildet; zeitweise müssen mehr als 3 Ostmark gezahlt werden. Ist Berlin aber erst einmal unter ein einheitliches Währungsdach gebracht, rechnen Fachleute mit einer "liberaleren" Geldemission in der Ostzone und demzufolge mit einem Verhältnis 4 : 1 oder 5 : 1 zur Westmark. Einer Rechnung von Ostmark=Westmark fehlt also schon jetzt und wohl sehr viel mehr in der Zukunft das wirtschaftliche Fundament. Es geht also um die grundlegende Frage: Kann man überhaupt eine feste Relation zwischen Ost- und Westwährung festlegen?