In dieser Epoche der Grausamkeiten liest man die Erzählung des Chinesen Chun-Chan Yeh mit der gleichen Erschütterung wie jene Schilderungen von Leiden, die – sei es, daß Deutsche an ihnen schuldig waren, sei es, daß sie Opfer und Dulder sind – uns selber auf der Seele brennen, Chun-Chan Yeh wurde 1920 in einem nordchinesischen Dorf geboren; sein Widerstand gegen die Japaner brachte ihn in die Reihen der Engländer. In England schrieb er Novellen und zwei Romane, deren englische Titel "The Mountain Village" und "They Fly South" lauten. – Unsere Geschichte ist dem dritten Bande der Sammlung "Erzähler von drüben" entnommen, der demnächst im Limes-Verlag, Wiesbaden, erscheinen wird. Die Sammlung vereint in vorbildlicher Weise und in ausgezeichneten Übersetzungen Novellen und Kurzgeschichten der modernen amerikanischen, englischen, französischen, holländischen und schwedischen Literatur; selbst die ägyptische Erzählung (Albert Cossery) und die chinesiche (Chun-Chan Yeh und Chan Tien-Yi) sind neben der tschechischen vertreten. So eröffnet das bisher dreibändige Werk einen literarischen Überblick voller Überraschungen und ungeahnter Perspektiven. Der Deutsche, der heute ins-Ausland kommt und in Buchläden eintritt, steht meist benommen vor neuen Titeln, neuen Namen (dem Ausländer in Deutschland geht es ebenso), weil er begreift, daß es mehr, als er ahnte, für ihn zu entdecken gibt. Die Sammlung "Erzähler von drüben" ist ein guter Wegweiser, ein anregender Mittler zwischen Draußen und Drinnen.

Wie er im historischen Seminar saß und der Vorlesung des alten Professors über die chinesische Geschichte der Vergangenheit zuhörte, fühlte Chin sein Herz so heftig wie einen Trommelwirbel schlagen. Vergeblich fragte er sich nach dem Grund ... Während er noch darüber nachdachte und sich den Kopf zerbrach, kam der alte Pedell mit seiner langen Pfeife hereingehumpelt. Er ging auf Chin zu und flüsterte ihm wie ein alter Onkel ins Ohr: "Ein Herr wartet draußen auf dich, mein Junge." Er deutete in die Richtung der Türe des Hörsaals und seufzte. Chin sah den runden Rücken eines untersetzten, beleibten Mannes in Schwarz. Plötzlich stockte sein Herz. Es war der Mann, der ihm auf. der Straße gefolgt war, wie er heute morgen auf dem Weg ins Seminar war. Ruhig ging er mit dem gutmütigen, Pedell hinaus, ohne die anderen Studierenden oder den armen alten Professor zu stören, der jetzt von seiner eigenen Schilderung seiner alten Heimat hingerissen war, die er Himmlisches Reich statt China nannte.

Der Mann in Schwarz wandte sich um und grinste Chin an, wobei er sein Fangzähnen ähnliches Gebiß entblößte. Gleichzeitig öffnete er seine Jacke und stützte die Arme in die Hüften, um an seinem Gürtel einen Revolver sehen zu lassen. Eine gute Waffe, deren Griff wie lackiert schimmerte. Dieser verdammte Kerl hat sicher schon recht häufig bei meinen Landsleuten von ihr Gebrauch gemacht, dachte Chin bei sich. "Jetzt seien Sie vernünftig", sagte der Mann in Schwarz, "und kommen Sie mit, ohne Aufsehen zu erregen."

"Jawohl", sagte Chin in sachlichem Ton und fühlte in seinem Herzen einen Fatalismus aufsteigen, der. seine Selbstbeherrschung übertraf.

Aber bevor er ging, wandte er sich an den alten Diener und sagte: "Lebwohl, alter Onkel, laß dir’s gut gehen." Der alte Mann gab keine Antwort. Seine Augen, die schon viele junge Leute auf diese Weise hatten. verschwinden sehen, waren von Tränen verschleiert, und er war wirklich zu alt und schwach, um "viel Glück!" zu wünschen. Chin wurde ins Hauptquartier der japanischen Gendarmerie gebracht, wo er sich einem häßlichen Mann mit einem spärlichen Bart hinter einem Tisch gegenübersetzen mußte. Die Tür des Raumes war geschlossen. Bei der Tür stand ein anderer Japaner, dick und behaart, mit dichten buschigen, Augenbrauen.

"Jetzt erzählen Sie mal von dem Treiben Ihrer Organisation", sagte der Japaner mit dem Schnurrbart. "Wir sind Ihnen schon seit langem auf der Spur. Es ist zwecklos zu leugnen."

"Wovon sprechen Sie?" fragte Chin. "Ich bin Student und weiß nichts von einer Organisation."