Es gibt kaum eine Generation abendländischer Menschen, die sich nicht mit Sokrates und Plato auseinandersetzen mußte; – Romano Guardinis Buch jedoch, "Der Tod des Sokrates" (im Verlag Helmut Küppers, vormals Georg Bondi, Godesberg), ragt weit über das sicherlich beachtliche Niveau hinaus, das Sokrates- und Plato-Interpretationen im Abendland stets zu erreichen pflegten. Der katholische Theologe und Philosoph läßt die platonischen Dialoge, die den Tod des Sokrates schildern, an uns vorbeiziehen. Und zwar hat Guardini die Reihenfolge so gewählt, daß immerfort eine Steigerung der menschlichen und philosophischen Situation des Sokrates gegeben ist. Zuerst der "Euthypron": jene Unterredung, die Sokrates auf seinem Wege zum Gericht mit dem oberflächlich-dummen Priester führt, der mit seinem Gott fast auf du und du zu stehen glaubt. Darauf die Apologie mit den •großen Verteidigungsreden des Sokrates – der "Kriton" dann: das erschütternde Gespräch, das Sokrates im Grunde genommen mit sich allein zu führen hat – denn der zwar brave, aber gänzlich unbedeutende Kriton ist kein Partner, wenn es um die Gewissenserforschung der philosophischen Existenz geht. – Zuletzt der "Phaidon": jener größte Dialog im Angesicht des Todes, der in der abendländischen Literatur aufgezeichnet ist und in dem der Dichter Plato dem Philosophen ebenbürtig zur Seite steht. –

Romano Guardini geht es im wesentlichen um die Erhellung dreier Gesichtspunkte: einmal die Sendung des Sokrates in ihrem Ursprung als eine göttliche Sendung aufleuchten zu lassen, zum zweiten die traditionelle Interpretation der platonischen Ontologie durch die Brille des Neuplatonismus, die Platon als Begründer der Zwei-Welten-Theorie sah, als eben spezifisch "neuplatonische" und gar nicht auf Platon zutreffende Ontologie zu entlarven, und drittens endlich – und das scheint das Bedeutendste in Guardinis Interpretationen zu sein – die oftmals übersehene philosophische Existenz des Sokrates (und damit Platons) in ein Licht zu rücken, von dem aus das Problem des Todes erst in seiner ganzen Tiefe ausgedeutet werden kann.

Zunächst also handelt es sich darum, die Sendung des Sokrates ins Auge zu fassen. Genauer gesagt: Guardini will zeigen, wie der Mensch Sokrates selbst diese Sendung, versteht. Da besteht einmal die Möglichkeit, dassokratische "Daimonion", jene geheimnisvolle Stimme, die den Sokrates stets in entscheidenden Situationen berät – indem sie ihn warnt, dies oder jenes zu tun – als aus göttlichem Grunde zu interpretieren. Weiterhin zieht Guardini die Berufung des Sokrates auf Apollo (in der "Apologie") zur Bestätigung heran. Aber das ist alles nicht entscheidend, es sind eigentlich nur die äußeren Bestätigungen für die Gewißheit des Mannes. Sokrates, daß er eine göttliche Sendung zu erfüllen hat. Diese Gewißheit weist Guardini meisterhaft in allen von ihm interpretierten Dialogen, vor allem aber in der "Apologie" nach: es gelingt ihm zu zeigen, daß Sokrates sich bewußt zum tragischen Ende wendet, daß Sokrates selbst dieses Ende als einen notwendigen Abschluß einer göttlichen Sendung empfindet.

Das vielleicht größte philosophische Verdienst erwirbt sich Guardini in der Aufweisung der wahrhaften Ansatzpunkte der platonischen Ontologie. Wie er in wenigen Sätzen – oft wie nebenbei die platonische. Ideenlehre von ihren plotinischen Überkleidungen befreit, das ist meisterhaft und echt platonisch. So zeigt sich die platonische Idee bei Guardini nicht als in den Lüften schwebendes transzendentes Etwas, sondern als der deutlich zu fassende geistige Grund der philosophischen Existenz. Denn das ist das Überraschende, daß Guardini durch eines Interpretation der platonischen Metaphysik eines deutlich macht: das Offenwerden für die menschliche Existenz, das von diesem Gesichtspunkt aus selbstverständlich wird. Das führt in die Über-Bemühung Guardinis, von der aus erst die Überwindung des Todes, "die Beschwörung der Furcht", als die sich die Philosophie im "Phaidon" offenbart, ganz sichtbar wird. Guardini zeigt – und hier heben sich seine Interpretationen wiederum von der landläufigen Platon-Interpretation ab –, daß es Platon um die Unsterblichkeit der ganzen philosophischen Existenz geht und nicht um das bloße Weiterleben der menschlichen Seele. Denn die platonische Existenz beruht auf dem Entschluß, sie "auf dem Gegenüber von Geist und Idee aufzubauen". – So geht der Philosophierende nach dem Tode nicht in eine neue Welt ein, sondern er hat durch die Lösung vom Leibe die Kraft gewonnen, das Seiende als es selbst – das heißt als Idee – zu erkennen. –

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"Das Gastmahl" nennt Walter Mönch seine beim Hans vom Hugo Verlag (Hamburg) erschienenen fünf Essays und knüpft damit bewußt an die alte griechische Tradition der geistvollen Dialoge an, die in solchen Situationen von den Griechen geführt wurden und deren berühmtester das platonische "Symphosion" war. Mönch schildert das geistige Zusammentreffen der Genialen mit ihren kongenialen Bewunderern: die Begegnung Platons mit dem italienischen Renaissace-Philosophen Marsiglio Ficino auf der Ebene von Platons Lehre vom Eros; die Begegnung Voltaires und Shakespeares, die auf seiten des großen Franzosen oftmals aus grenzenloser Liebe in abgrundtiefen Haß umschlägt; Goethes Verehrung für Diderot, Baudelaires Achtung und geistige Verbundenheit mit Edgar Allan Poe. Dazwischen ein Essay über den Don Juan und seine Wirkung in der Europäischen Literatur – ohne Zweifel die gegenwärtigste und beste der ’fünf Abhandlungen. Die seltsame Umbildung,, die die Gestalt des Don Juan vom "erotischen Pathologen" des Tirso de Molina über die schon ein wenig gemilderte Don-Juan-Gestalt Molières bis zur merkwürdigen Gestaltung des Don Juan durch E. T. A. Hoffmann, der nach Mönchs Worten die "teuflisch dämonische Natur" Don Juans aus dem ursprünglich göttlichen Wesen ableitet, gefunden hat, schildert Mönch ebenso sorgfältig wie folgerichtig. Das Erfreuliche an diesen Essays liegt zum großen Teil in der sympathisch warmen Art, in der sie geschrieben sind: man hat das Gefühl, daß hier ein Autcr am Werke ist, der mit warmem Herzen die Dinge begreift. Dabei hat er sich Beweglichkeit und Humor genug bewahrt, niemals einseitig, zu sein. Freilich liegt hier auch die Schwäche des Buches: daß es bei gelungener Aufzeichnung der einzelnen Ereignisse, oftmals nicht über die vordergründige Schilderung hinauskommt. Doch dies schränkt jene Wirkung nicht ein, die der Autor seinem Werke zugedacht hat: "ein wahres Gastmahl für den Liebhaber literarischer Gespräche zu sein".

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Die Regensbergsche Verlagsbuchhandlung (Münster) hat sich das Verdienst erworben, eine Schrift des verstorbenen münsterischen Philosophen Peter Wust – der sich durch sein Hauptwerk "Ungewißheit und Wagnis" einen Namen machte – herausgegeben zu haben: die "Einführung in die Existenzphilosophie", zusammengestellt nach Vorlesungen, die der Philosoph vor den Studenten der Universität Münster gehalten hat. Die Schrift besticht zunächst durch ihre scharfe wissenschaftliche Terminologie. Aber es ist der scholastisch durchgebildete Philosoph, der das vorliegende Material geordnet, gesichtet, definiert hat. Und dies ist oft den Phänomenen wirklicher Existenzphilosophie wenig zuträglich. Gewiß hat Wust den Blick für die bis dahin übersehene philosophische Existenz – allein der Blick genügt nicht. Man muß unruhig werden vor dieser Einsicht oder, um mit Heidegger zu reden: diese suchende Unruhe um unsere Existenz muß selbst als eine "Befindlichkeit" unseres Daseins erkannt werden. Bei Wust jedoch scheint diese Einsicht nicht genügend hervorzustechen: so wirkt alles etwas schal, und der Existentialismus erscheint bald als eine philosophische Richtung neben anderen. (Und bei dieser Auffassung kann er allerdings zur modischen Torheit werden!) Vor allem die große Grundkonzeption der Existenzphilosophie, nämlich die, daß die Krise des Menschen eben in seinem Menschsein auf Erden besteht, wird von Wust nicht gedeutet. Und dies hätte man wohl von dem zweifellos bedeutenden Philosophen erwarten können, der in seinem Hauptwerk "Ungewißheit und Wagnis" weit größere Tiefen anzuleuchten weiß. P. H.