Von Karl-Heinz Gehrmann

Ich bin nicht in der Stimmung, auf Deinen anendlich friedlichen Brief, der nach Abgeschiedenheit und nach jedem beliebigen Jahrgang – nur nicht nach 1848 – schmeckt, einzugehen. Die Ereignisse ... fordern zum Kampf heraus. Was auch der Ausgang desselben sein mag, ich wünsche ihn, und bin außer mir, jenes herrliche Mittel zu entbehren, ohne welches jede Beteiligung eine Unmöglichkeit ist. Mit dürren Woften: hast Du nicht auf väterlicher Rumpelkammer eine alte, aber gute Büchse? Ich fordere es von Dir als einen Freundschaftsdienst, mich nicht in Stich zu lassen, und sehe einigen Zeilen, noch lieber aber dem Musketendonner in Person entgegen."

So schrieb Theodor Fontane vor genau hundert Jahren im September 1848 an seinen Freund Bernhard von Lepel, der Dichter an den Dichterkollegen, der Barrikadenehrgeizige mit dem Hang zum "Wühler comme il faut" (wenn er nur Zeit und Geld hätte!) an den königlichpreußischen Premierlieutenant, den Adligen (wenn’s auch nur einer von "Sechseraristokratie" war). So schrieb Fontane an den – Junker ... Ein knappes halbes Jahrhundert später ... Aus dem Achtundzwanzigjährigen, der sich vom vollgegriffenen heroischen Akkord den rechten Klang seiner Lebensmelodie versprochen hatte, war der "alte Fontane" geworden, der Dichter der "Effi Briest" und des ,,Stechlin", der Mann des liebenswerten Lächelns "über den ganzen Unsinn", der seinem zu staatlichem Amt und Würden gelangten Sohn schrieb: "Gott, wie ist doch die politische Welt Wirrsal!" Das geschah zur gleichen Zeit, in der er sich anschickte, seine Kindheitserinnerungen bis in die Lebensjahre "zwischen Zwanzig und Dreißig" weiterzuführen, in welchen auch dies bemerkwerte Jahr 48 wieder erscheinen mußte.

Was gibt es Reizvolleres, als die Jugenderinnerungen eines uns Werten mit den Aufzeichnungen jenes Lebenskapitels zu vergleichen, das nun durch das Teleskop der Altersweisheit hindurch neu betrachtet wird! Und wie erregend ist dieser Vergleich erst bei einem Menschen wie Fontane, bei dem alle Versuche, ihn auf eine bestimmte ideologische Bekenntnislinie festzunageln, gescheitert sind und immer noch scheitern! Und doch hat jede Epoche – und sei sie noch so fragwürdig – den verständlichen Ehrgeiz, sich solcher Namen zu vergewissern und den kindlichen Konjunktiv "Wenn er jetzt leben würde" mit einem überzeugten ,,dann stünde er zu uns" zu beantworten.

Zu wem stünde Fontane, "wenn er jetzt lebte"? Das Fragespiel reizt. Was würde er zum Beispiel dazu sagen, daß man einen Fontane-Preis für den besten demokratischen Roman gestiftet hat? "Ich werde immer demokratischer", sagte er und fügte hinzu: ,,und lasse höchstens noch einen richtigen Adel gelten. Was dazwischen liegt, Spießbürger, Bourgeois, Beamter und schlechtweg Gebildeter kann mich wenig erquicken." – "So ist er unser Mann", rufen nunmehr die "Reaktionären": Fontane, der Sänger des Adels, der Mitarbeiter der Kreuzzeitung, der Konservative, denn "schließlich gehör’ ich doch diesen Leuten zu, und trotz ihrer enormen Fehler bleiben märkische Junker und Landpastoren meine Ideale, meine stille Liebe." Doch gemach! Was hat der gleiche Fontane zugleich gesagt? "Diese Herren stehen noch auf dem ‚verjohrenen‘ Standpunkt, wonach der Mensch erst mit dem Baron anfängt. Dieser Provinzadel schlägt immer einen Ton an, als ob man ein alter Hauslehrer wäre. Das fehlte auch gerade noch."

Also "weder noch" oder "sowohl als auch?" In da wirklich keine säuberliche Rubrik für Fontane, in der wir ihn einstufen könnten, da doch unsere Epoche so wild darauf ist, die Menschen einzuordnen? "Sah man ihn, so schien er ein Alter, auch in dem, wie er Zeit und Leben ansah; aber für die, die sein wahres Wesen kannten, war er kein Alter, freilich auch kein Neuer. Er hatte vielmehr das, was über alles Zeitliche hinaus liegt, was immer gilt und immer gelten wird: ein Herz. Er war ... ein Edelmann nach jenem alles Beste umschließenden Etwas, das Gesinnung heißt." Was Fontane hier den Pastor Lorenzen am Grabe des alten Stechlin sagen läßt, sollten wir als die besten Gedächtnisworte der Nachwelt an Fontane selbst gelten lassen. Denn wo das Herz und ein scharf beobachtender kritischer Geist einander überwachen, da wird das Urteil behutsam, durchaus mißtrauisch gegen die Fehlfarben des Vorurteils: "Alles Urteil ist einseitig und beschränkt, und das der Nahestehenden am meisten."

Und die Gesinnung? Es ist also nichts mit der Zuordnung Fontanes, der (verfallen wir schon den gewohnten Bezeichnungen) ein Demokrat aus innerer Aristokratie war, ein Demokrat, der wußte, daß gerade die zwischenmenschlichen Pseudofronten der politischen Parteien und Ideologien ein "weites Feld" sind und ein Demokrat, der wußte, daß der Versuch, den Menschen nach seiner Zuordnung nach Parteien beurteilen zu wollen, meist nur bedeutet, die Schale seiner Seele für den Kern zu nehmen. Den menschlichen Kern zu finden, ja, das verlangt menschliche Größe, und "die Dürftigkeit, Kleinlichkeit, Uni bedeutendheit, oft auch Schoflinskischaft der Menschen wird immer klarer". Denen, die politische Gesinnung nur in der Form der Kundgebung anerkennen, wird bei Fontane schlecht gedient sein. Sie müßten im Wohlgefühl eigener – Unfehlbarkeit "Bekenntnisfreudigkeit" von ihm verlangen. Doch was bekannte er? Im Briefwechsel mit dem Engländer Morris redete er dem Sozialismus und dem Vierten Stand das – Wort und rief: "Ich hasse das Bourgeoishafte mit einer Leidenschaft, als ob ich ein eingeschworener Sozialdemokrat wäre." Doch seinen "Stechlin", also sich selber, ließ er sagen, daß er der "patentierten Freiheit der Parteiliberalen" mißtraue: "Freiheit ist gar nichts. Freiheit ist, – wenn sie sich versammeln, Bier trinken und ein Blatt gründen." Also: wo ist da eine "eindeutige" Entscheidung, wenn man "dies parlamentarische Politikmachen ein zweifelhaftes Geschäft" nennt, das "den Charakter verdirbt und einseitig macht?" – "Die Leute sehen alles nur noch in Fraktionsbeleuchtung. Und doch ist das Ganze ein Segen. So ein regierender Bredow oder Rochow, der einen nach Spandau schickte, wenn man ihm andeutete, er sei ein Schafskopf, war auch kein Glück für Staat und Menschheit. Der absolute Staat mag noch so viel Vorzüge haben, er ist für ein freifühlendes Herz doch eine Unerträglichkeit." O ja, er war ein ehrlicher Demokrat. Aber (so dürfte die andere Fraktion fragen): Karin man wie Fontane es war, ein unbeirrbarer guter Patriot sein und sich doch vom "hochgradigen Borussismus" und vom "Deutschland, Deutschland über alles" nervös machen lassen?