Ja, – man kann! So erstaunlich es eine Zeit anmuten mag, deren politischer Glaubenseifer nicht über die Inquisition "um. der Menschlichkeit willen" hinauskommt: hier ist Gesinnung in – ihrem echten Bezug einer Treue zu sich selbst, die sich nicht mit Haut und Haaren einer Sphäre verschreibt, wo große Worte große Lebenslügen verbrämen – "das Leben, Gott sei Dank! ist kein Tummelplatz großer Gefühle!" – und: "Richtig placiert, bin ich für Einsetzung aller Kraft, auch wenn man dabei mit in die Brüche geht, aber jede Kraftvergeudung ärgert mich und reizt mich. Ich glaube, daß ich in jeder Schlacht, auch unter furchtbarster Angst, immer ein Stückchen Held gewesen wäre." Das ist die Gesinnung eines Mannes, der hinter die allzumenschlichen Triebkräfte von Haß und scheinbaren Idealismus schaut, und dabei groß genug ist, auch sich selbst dabei mit einzubeziehen und der bereit ist, "alles Irdische" nicht nur "im reinen Licht" zu betrachten, "in dem alles verbrennt", weil er einsieht, daß es "ohne ein ge- . wisses Quantum Mumpitz" nicht geht; es ist die Gesinnung eines Mannes, der über aller Kritik, deren klarem aber nie hartem Licht nichts Unechtes entgeht, immer die Ehrfurcht von ererbten Ordnung und menschlicher Größe setzt.

Schon der Barrikadenenthusiast von 1848 hatte einen Schuß von jenem liebenswürdigen Selbstspott, der im Schmelzofen des Lebens kein übler Brennstoff zu überschauender Weisheit ist. Der Sänger des "Louis Ferdinand" und der Bewunderer von Hauptmanns "Webern", der Künder des heroisch-balladesken Lebens und der Verächter des "Herdenmutes" – es ist derselbe Fontane. Und die Stetigkeit der geistigen Entwicklung ist dabei das Maß für die Treue eines Maschen zu sich selbst. Hier ist ein Mensch, der für Menschlichkeit keinen Terminus braucht, wei er In jedem Schrei nach ihr ein Eingeständnis des eigenen Mangels hört. Wenn auch durch die Erfahrung eines 78jährigen Lebens vom Fortsehnt menschlicher Einsicht nicht sehr überzeugt, möchte er in seinen letzten Jahren doch glauben, daß das neue, menschliche Zeitalter sich auch im zwischenvölkischen Leben durchsetzen werde: "Das beste ist, daß kein Mensch an Krieg glaubt; er wird ja wohl mal kommen, aber es scheint wirklich, als ob er auf allerernsteste Fälle eingeschränkt werden solle, wie beim Duell, das, von Spielereien abgesehen, auch seltener wird. Je großartiger der Vernichtungsapparat, je größer die Verantwortung und die Sorge ..."