Wir werden die Verhandlungen fortsetzen, immer in der Hoffnung, den Frieden zu erreichen." Diese Erklärung gab Präsident Truman ab, nachdem in Moskau die Vertreter der Westmächte wochenlang mit Stalin und Molotow verhandelt hatten. und in Berlin die Besprechungen der vier Militärgouverneure, an einem toten Punkt angelangt, unterbrochen werden mußten. Nun wird in Moskau erneut verhandelt.

Während aber die Westmächte nichts unversucht lassen, um zu einer Einigung mit Moskau zu gelangen, wurden die Sitzungen der Berliner Stadtverordnetenversammlung von SED-Demonstranten gesprengt und die Arbeit des Berliner Magistrats durch den Widerstand der sowjetischen Kommandantur unmöglich gemacht. Und es drängt sich nach diesen Ereignissen die Frage auf, ob die Sowjets überhaupt ernstlich die Absicht haben, zu einer Einigung über Berlin zu kommen, oder nur Zeit gewinnen wollen, um letzten Endes die Westmächte aus der alten Reichshauptstadt doch zu verdrängen. Die meisten von denen, die noch vor ein paar Wochen an eine Verständigung mit Moskau glaubten, scheinen nun endgültig jede Hoffnung darauf aufgegeben zu haben. Die pessimistischen Äußerungen maßgebender Persönlichkeiten der Westmächte und die Kommentare in ihrer Presse deuten darauf hin, daß es jetzt nur darum geht, auch die übrige Welt davon zu überzeugen, wie aussichtslos es ist, Verhandlungen mit dem Kremel zu führen. Es wird über die bevorstehende Herausgabe eines Weißbuches und die Vorlage des deutschen Streitfalles vor die Vollversammlung der UNO berichtet.

Wie die Krise also in der nächsten Zukunft verlaufen wird, klärt sich mehr und mehr. Dagegen scheint über das Schicksal Berlins trotz wiederholten kategorischen Erklärungen nicht genügend Gewißheit zu herrschen. Diese Unsicherheit wird um so größer, wenn die Londoner "Times" schreibt, daß es offenbar Torheit wäre, die wirtschaftliche Erholung Westdeutschlands, die so unentbehrlich für Westeuropa sei, selbst um den Preis einer kostbaren Position in Berlin, aufs Spiel zu setzen. Diese und ähnliche Stimmen und Informationen häufen sich in den letzten Tagen. Es wird also erwogen, wenn es nicht anders geht, Berlin aufzugeben, um Westdeutschland für den Wiederaufbau Westeuropas zu erhalten. Dabei wird übersehen, daß die Berliner, die sich für die Freiheit entschieden und offen gegen den Terror Stellung genommen haben, die zu Hunderttausenden demonstrieren und damit ihre Sympathien für den Westen zur Schau stellen, dies tun, vor allem, weil sie an die bindenden Versprechungen der Westmächte glauben. Sie haben sich entschlossen, der Diktatur zu trotzen, obwohl die Erfahrung sie nicht dazu ermuntert haben dürfte. Die Garantien nämlich, die in den letzten zehn Jahren gegeben wurden und für die Länder hinter dem "Eisernen Vorhang" nicht gehalten werden konnten, sind noch in zu frischer Erinnerung.

Wenn man jetzt glaubt, durch das Aufgeben Berlins – ganz gleich ob ein direktes oder, durch große Zugeständnisse an die Sowjets in der Verwaltung, zunächst ein indirektes – Westdeutschland retten zu können, dann befindet man sich zweifellos in einem schweren Irrtum. Die Erbitterung und der Haß der Enttäuschten sowie das Gefühl der Unsicherheit und Angst würden auch bei uns in einem solchen Maße steigen, daß dann der erhoffte Beitrag Westdeutschlands für den Wiederaufbau Westeuropas illusorisch bleiben würde. Mit Berlin würde unaufhaltsam auch ganz Deutschland für die Demokratie verloren gehen. B-w