In der Staatsoper Hamburg

Daß es dem Kapellmeister Brückner-Rüggeberg gelang, mit dem Regisseur Rennert Schritt zu halten, dafür gebürt ihm und dem Orchester ein Kompliment. Rennert hat Rossinis "Barbier" als ein Bravourstück seiner rasanten Regiekünste inszeniert, wofür Siercke, der sich mehr und mehr als ein Bühnenbildner von hoher Begabung erweist, ihm die Hilfsmittel gab: eine ganze Villa, ein überdimensionales Puppenhaus mit Wendeltreppe und vielen klappenden Türen. Da geht die Diva, Koloraturen singend, von einem Zimmer ins andere. Denn das lebendige Spiel zählt mehr als der Gesang...

Warum auch nicht? Heutzutage sind uns singende Darsteller lieber als Sänger, die nichts als Belcanto von der Bühne träufeln lassen. Und wie wunderbar, daß es einen Opernregisseur gibt (offenbar gibt es nur diesen einen in Hamburg), der es – ein Teufelskerl – fertigbringt, so ein altes Repertoirestück von einer neuen Seite zu zeigen. Brückner-Rüggeberg hat die Solisten tadellos singen lassen: mehr konnte er nicht tun. Aber Rennert hat mehr getan: er hat aus Solisten (aus "Gesangssängern" sozusagen) darstellerische Charaktere gemacht. Was schadet es, daß manche musikalische Finesse verlorengeht! Sie. geht nämlich hie und da tatsächlich im Gelächter oder Gekicher des Publikums unter. Schadet gar nichts. Die Finessen Rossinis, nach alter Opernschablone vorgetragen, wirken länst wie Reminiszenzen. So aber entdeckt man eine reizende Bühnenhandlung neu; und was Rossini, dem Belcanto-Schöpfer, verlustig geht, gewinnt Rossini, der lustige Typenbildner in Tönen, zurück. Den Charakterschilderer Rossini, der sich nicht scheut, manchmal sogar hart an die Karikatur heranzugehen, den hat man nämlich bisher nicht genug gesehen. Seht: die Sänger, die sich auf der Bühne tummeln (Hauptrolle Johannes Draht), sind Spaßvögel. Und was für welche! – J. M.