Die vielumstrittene Sonderabteilung "Wirtschaftsplanung" bei der Verwaltung für Wirtschaft in Höchst stellt, ab Ende Juni, alle zehn Tage eine Art Zwischenbilanz über die Auswirkungen der Geldreform zusammen. Diese zunächst für den internen Gebrauch gedachten Berichte werden seit einiger Zeit nun auch veröffentliche. Zunächst sind sie mit Mißtrauen aufgenommen worden. So günstig, wie man vom Höchster Büro aus die Dinge ansah, Schimon sie La Wirklichkeit doch nicht zu laufen. Inzwischen aber hat sich die Skepsis gelegt. Die Berichte sind ganz offenbar nicht, wie man anfangs wohl meinte, aus irgendwelchen Gründen – welcher Art immer sie auch sein möchten – tendenziös gefärbt, im Sinne einer "Verharmlosung" aller wirtschaftlichen Sorgen und Probleme, wie sie für die letzten drei Monate neu oder verstärkt hervorgetreten sind. Ihre optimistische Deutung der Fakten erweist sich vielmehr als gerechtfertigt.

Verknapppungspsychose läßt nach

Das gilt, einmal, für die Feststellung, daß die allgemeine (oder doch fast allgemeine...) Sorge wegen einer deflatorischen Entwicklung überholt sei. Es gilt aber anderseits auch für die entgegengesetzte, uns sehr viel berechtigter erscheinende Besorgnis. Nämlich, daß der allzu glatte Verlauf des Gesundungsprozesses nach vollzogener Geldoperation trügerisch, weil durch eine inflationäre Scheinkonjuktur bedingt sei. Die Entwicklung ist offenbar, wie es sich nun immer klarer zeigt, auf dem richtigen Wege, der zwischen den Gefahrenzonen hindurchführt und sie beide nur gerade gestreift hat. Wedel ist die Produktionsgüterindustrie an der Klippe der Deflation gestrandet, noch die Konsumgüterwirtschaft in den Strudel der Inflation hineingerissen worden.

Im letzten Bericht, der vor etwa, einer Woche durch die Tageszeitungen gegangen ist, wird u. a. folgendes festgestellt: Der Angleichungsprozeß zwischen Angebot und Nachfrage macht Fortschritte, was darauf beruht, daß die Verknappungspsychose, die zu Angstkäufen geführt hatte, nun allmählich ausklingt und eine zuversichtliche Auffassung Raum gewinnt; die Geldmittel der Verbraucher sind knapper geworden; diese zeigten größere Zurückhaltung beim Kauf und seien auch in punkto ihrer Qualitätsansprüche wählerischer. – Das ist also, wohlgemerkt, Tor der Ausschüttung der zweiten Kopfgeldrate geschrieben. Übernachfrage- und Preiserhöhungstendenzen haben sich seitdem wieder etwas verstärkt.

Hohe Preise – warum?

Wer die Preisentwicklung seit dem 23. Juni ruhig und sachlich beurteilen will, sieht sich einem ungemein vielschichtigen Tatbestand gegenüber. Es ist hier zu unterscheiden zwischen den Momenten, die sachlich und auch psychologisch für die Preistendenz maßgebend waren, und der geldpolitischen Lage, die es jenen Tendenzen schließlich erst ermöglichte, wirksam zu werden. Anders ausgedrückt: daß ein unendlich großer Bedarf vorliegt, und daß die objektiven Gegebenheiten in Produktion, Arbeitsleistung, Rohstoffversorgung usw. nur eine mangelhafte Deckung dieses Bedarfs, zugleich bei erhöhtem Kostenaufstand, ermöglichen, ist nur die eine – jetzt wirklich hinlänglich durchdiskutierte – Seite der Angelegenheit; die andere Seite aber ist, daß der Bedarf heute von einer kaufkräftigen Nachfrage in immerhin beträchtlicher Höhe getragen wird, und daß, dank dieser Kaufkraft, die Preiserhöhungs-Tendenzen sich nun auch tatsächlich weitgehend durchsetzen konnten-

Beinahe unverständlich ist freilich, wenn sonst recht kluge Beobachter jetzt, der allgemeinen Psychose erliegend, betrübt oder entrüstet über das Offenbarwerden unserer materiellen Armut klagen... Nichts anderes aber bedeuten ja die relativ hohen Preise bei etwa gehaltenem Lohn- und Gehaltsniveau bedeuten, die harte Tatsache eines gesenkten Reallohns. Es ist auch charakteristisch, daß dieselben Leute, die noch Vor einem Vierteljahr jede Möglichkeit einer verbesserten Güterversorgung für die Zeit nach der Reform leugneten, heute am meisten darüber jammern, daß die volle vorkriegsmäßige Warenversorgung nicht gegeben und die Rückkehr zu den Vom kriegspreisen nicht möglich ist!