Vor einigen Monaten sah man durch die winkligen Straßen von Peshawar, das Handels- und Verwaltungszentrum Pakistans im Nordwest-Grenzbezirk, einen hageren, langbärtigen Mann wandeln, dem alle Bewohner der Stadt scheu auswichen. Selbst die reichen, in Seide gekleideten Kaufleute legten demütig die Hand an Stirn und Herz, wenn die in einen unscheinbaren braunen Schafwollmantel gehüllte Gestalt vorüberschritt und verharrten noch in ehrfürchtiger Verneigung, wenn sie nur mehr die blitzenden Maschinenpistolen auf dem Rücken seiner Begleiter erblickten.

Nun, die bewaffnete Garde allein wäre nicht weiter aufgefallen in einem Land, in dem der kleinste. Bauer sein Gewehr umhängt, wenn er den steinigen Acker zwischen den Felsbergen Waziristans pflügt, in dem der Jüngling sich nicht Mann dünkt, ehe er nicht eine Flinte sein eigen nennt. Ein Name war seit den frühen Morgenstunden von Mund zu Mund gegangen – frohlockend hier, besorgt dort – ein Name, der seit, über zwei Jahren die gute Stadt Peshawar in Atem gehalten hatte. Der Fakir von Ipi, hieß es, kommt heute aus seinen Bergfestungen in die Stadt. Da schritt nun der Mann, der jahrzehntelang britischen und indischen Regimentern, Sikhs und Gurkhas getrotzt hatte, am Regierungsgebäude vorbei, und der Gouverneur der Provinz sah ihn aus seinem Arbeitszimmer, und er sah ihn nicht ohne Sorgen.

Zwar hatte die Regierung Pakistans mit den Bergstämmen der Nordwestgrenze Frieden gemacht, zwar waren alle Gesetzesverstöße, die der Fakir von Ipi im Kampf gegen England begangen hatte, vergeben und vergessen seit dem Unabhängigkeitstag, aber ... Und der Gouverneur las nochmals den Befehl aus der Hauptstadt, die Bergstämme seien sofort in stärkerem Maße an den Kämpfen in Kaschmir zu interessieren und zu beteiligen, und er las die Berichte der kleinen Garnisonen pakistanischer Miliztruppen, der Tochi-Scouts und der Pakistan-Luftwaffe, die von Unruhe und Überfällen, Plünderungen von Karawanen und nächtlichen Waffentransporten sprachen.

Die Sorgen des Gouverneurs waren offenbar berechtigt, denn Radio Karachi berichtet seit Mitte Juli von erbitterten Kämpfen pakistanischer Truppen gegen den Fakir von Ipi. Im Nordwest-Grenzbezirk wurde wieder einmal – zum wievielten Male wohl seit über hundert Jahren? – das Standlicht verhängt, energische Aktionen gegen die aufständischen Bergstämme wurden angekündigt.

Offenbar hat der Fakir von Ipi den Einsatz seiner Krieger in den Gletschergebieten und Schneestürmen Kaschmirs, fern der Heimat und gegen die modern ausgerüsteten Hindustan-Truppen, nicht sehr verlockend gefunden. Das Ziel seines Kampfes war immer das gleiche: Unabhängigkeit Waziristans, uneingeschränkte Herrschaft über die Handelswege nach Afghanistan und schließlich die Freude am Krieg um des Krieges willen, gegen Fremde, gegen andere Stämme oder gegen Engländer – das gilt ihm und seinen Stämmen völlig gleich.

Die Radiokommentatoren der indischen Sender frohlocken: ein Teil der besten Truppen Pakistans und seiner Luftwaffe sind im Nordwesten gebunden, so daß man in Delhi eine Verminderung des zeitweise recht bedrohlichen Drucks der regulären und irregulären Pakistantruppen in Kaschmir erhofft.

Pakistan meldet bereits Erfolge: viele Kämpfer des Fakirs seien gefallen, einer seiner Stellvertreter, Sayed Ali Khan, gefangen, mehrere befestigte Stellungen erobert. Der Fakir hat sich inzwischen der Zeit angepaßt. Unterirdische Waffenschmieden stellen ihm recht brauchbare Gewehre und sogar leichte Maschinenwaffen her, unbekümmert um die Flugzeuge der Pakistan-Air-Force; mit Kurzwellensendern hält er die Verbindung zwischen seinen Felsennestern aufrecht, und einige plötzlich im Rücken der Pathans operierende gepanzerte Kraftwagen des Fakirs stifteten beträchtliche Verwirrung.