In Warschau hat sich ein politischer Sündenfall vollzogen. Gomulka, bisher einer der mächtigsten Männer der sowjeto-polnischen Innenpolitik, ist der Ketzerei gegen den orthodoxen Stalinismus schuldig befunden worden. Dieses nun sind seine Hauptsünden des Irrtums und der Unterlassung: er hat sich "rechtsgerichteten und nationalistischen" Einflüssen zugänglich gezeigt; er hat die "überragende Rolle der Sowjetunion im Kampf gegen den kapitalistischen Imperialismus" nicht erkannt; er hat sich gegen die Exkommunizierung Titos ausgesprochen; er hat die "Notwendigkeit des Klassenkampfes gegen die kapitalistischen Kulaken" nicht erkannt und infolgedessen die Kollektivisierung der Landwirtschaft zu lässig betrieben. Verstoß über Verstoß gegen den "einzigen Weg, den Weg Stalins, den wir seit dreißig Jahren befolgen", wie Wyschinski es in Belgrad ausdrückte.

Die Augenblicke sind selten, in denen sich flüchtig die dichten Schleier teilen, hinter denen für gewöhnlich die Vorgänge im sowjetischen Machtbereich der Umwelt verborgen bleiben. Das, was in diesen Augenblicken sichtbar wird, zeigt, daß auch der anscheinend so geschlossene. Block des sowjetischen Imperiums nicht frei von inneren Spannungen ist. Der Fall Tito war ein solcher Augenblick, der Fall Gomulka ein zweiter. Dennoch wäre es falsch, den Fall Gomulka einen "zweiten Fall Tito" zu nennen. Das Verhalten Titos trägt, trotz seiner pathetischen Lobpreisung Stalins als des "größten Kämpfers der Weltgeschichte", in den Augen des Kreml die Zeichen bewußten und trotziger Unbotmäßigkeit. Nicht so die Haltung Gomulkas, der in peinlicher Genauigkeit die taktischen Regeln moderner sowjetischer Regie beobachtet. Anders als zu Zeiten Sinowjews und Kamenews ist heute auch im Kreml mehr Freude über einen Sünder, der Buße tut, denn über hundert Gerechte, die die Buße verschmähen. Nun bedeutet dies keineswegs, daß etwa ein Geist christlicher Milde im Kreml eingezogen wäre. Es ist einfach so, daß heute für den Kreml ein Dimitroff, der sich in Sofia politisch an die Brust schlägt, oder auf kulturellem Gebiet Komponisten wie Schostakowitsch und Prokopieff, der der kommunistischen Partei "dafür dankt, daß sie ihn auf seine Fehler aufmerksam gemacht hat", wertvoller sind, als ein oppositioneller Märtyrer. Ein Register der Irrungen, das noch für einen Kamenew und Sinowjew den sicheren Tod, ungeachtet aller Selbstbezichtigungen und Reue, bedeutet haben würde, kennt heute noch den Ausweg des öffentlichen Sündenbekenntnisses.

Auch Gomulka hat diesen Ausweg gewählt. Und das Politbüro seiner Partei hat auch seinerseits die Spielregeln gewahrt. Gomulka verliert zwar das Generalsekretariat, aber er behält – vorerst jedenfalls – das "Ministerium für die wiedergewonnenen Gebiete". Dennoch kam die Entgötterung dieses roten Olympiers für die polnische Öffentlichkeit einem Donnerschlage gleich. Sie steht politisch vor dem im ganzen Osten gefürchteten Gespenst einer "Czystka", einer "Säuberung", die nach bewährtem Muster der beabsichtigten Verschmelzung der beiden Parteien, der Sozialisten und der kommunistischen Arbeiterpartei, zu einer "Vereinigten Arbeiterpartei" vorausgehen soll. Was darüber hinaus jetzt sichtbar wird, ist die eiskalte Entschlossenheit zu lückenloser Bolschewisierung auch in Polen. Der Albtraum des Kollektivs droht für den polnischen Bauern Wirklichkeit zu werden.

Vielleicht hat das Politbüro der Arbeiterpartei und möglicherweise sogar der Kreml die Widerstände unterschätzt, die in Polen jeder wecken muß, der die Besitz- und Unabhängigkeitsgefühle des polnischen Bauern antastet. Ein Bauer, der, wie der polnische sogar das Elend des Zwergbauerntums Galiziens dem Verlust der Selbständigkeit vorzieht, zeigt wenig Eignung für das Kollektiv. Selbst die kaum eingeschränkte Gewalt Pilsudskis hat die bäuerliche Opposition auch nach der Verbannung ihres Führers Witos nicht zubrechen vermocht. Schon liegt ein sehr deutliches Anzeichen amtlicher Bestürzung über die inneren Stürme vor, die man offenbar mit den agrarpolitischen Ankündigungen ausgelöst hat. Eine andere Deutung ist kaum möglich, wenn wenige Tage, nachdem Gomulka seinen Schuldspruch wegen zu langsamer Kollektivisierung empfangen hat, der Handelsminister Minc – mit den Argumenten Gomulkas – die beschwichtigende Erklärung abgeben muß, die Oberführung der Bauernwirtschaften in Kollektive könne sich nur langsam vollziehen und werde 1949 erst 1 v. H. der Höfe umfassen.

Es ist das Bewußtsein der eigenen Unpopularität in Polen, das den Kreml so empfänglich und empfindlich für den Vorwurf "nationalistischer-Abweichung" gegen Gomulka gemacht hat. Unter den gegebenen Verhältnissen kann eine solche "nationalistische Abweichung" stets nur anti-russisch sein, und nichts würde schlechter in das Moskauer Konzept passen. Es ist allerdings durchaus polnisch, wenn dieser "Nationalismus" Gomulkas gleichzeitig anti-deutsch ist und sich, wie berichtet wird, den russischen Plänen zur Wiederherstellung der Einheit Deutschlands – ganz zu schweigen von durchaus unbestätigten territorialen Revisionsabsichten Rußlands – widersetzt hat. Unzweifelhaft werden die Anhänger Gomulkas um so zahlreicher, je mehr sich die bäuerlich-privatwirtschaftlichen Interessen mit dem verborgenen Haß gegen die russische Fremdherrschaft verbinden. Es spricht für die Stärke, die man in diesem Augenblick dennoch der eigenen Stellung zutraut, wenn die Moskauer Auftraggeber der polnischen Arbeiterpartei den Zeitpunkt für gekommen halten, um alle die auszumerzen, die "die führende Rolle der Sowjetunion im Kampf gegen den kapitalistischen Imperialismus verkennen".

H.-A. v. Dewitz