Das Wort Voltaires: "Gäbe es keinen Gott, so müßte man ihn erfinden" verletzt jeden Menschen, für den die Existenz Gottes niemals zweifelhaft gewesen ist. Es ist ein leichtfertiges Wort. Und doch steckt eine Wahrheit darin, nämlich die, daß es Voraussetzungen gibt, die nicht hinweggedacht werden können, ohne daß die Menschheit selbst existenzunfähig wird. Bleibt nur zu fragen: Welche Voraussetzungen? In Deutschland leben etliche Menschen, deren Weltanschauung sich auf die Formel bringen ließe: "Gäbe es keinen Klassenkampf, so müßte man ihn erfinden". Denn nach dieser Formel wird der neudeutsche Klassenkampf fortgesetzt und geradezu fortgeschleppt. Sein amtlicher Name heißt: Entnazifizierung.

Selbst für den rechtgläubigen Marxisten darf der Klassenkampf nicht zu den ewigen Voraussetzungen der menschlichen Geschichte gehören. Die klassenlose Gesellschaft ist ja gerade das Ziel des Marxismus. Und der Proletarier, ebenso wie der Kapitalist des neunzehnten Jahrhunderts, sie mußten gewiß nicht erst erfunden werden. Es gab diese Klassen wirklich. In unserem heutigen Deutschland dagegen ficht der unentwegte Klasseitkämpfer ins Leere, wenn er auf den alten Begriffen beharrt. Bis zu einem sehr hohen Grade, wenn auch ganz anders als es Karl Marx vorschwebte, sind wir so etwas wie eine "klassenlose Gesellschaft" geworden. Die Vertriebenen und die Ausgebombten, sie allerdings sind in Gefahr, auf lange Sicht deklassiert zu bleiben und also zu neuen Klassen zu werden, aber nur dann, wenn von der Gemeinschaft, vom Staate her eine Pflicht vernachlässigt wird, wenn das, was heute schlagwortartig "Lastenausgleich" genannt wird und in Wahrheit eine produktive Nothilfe sein müßte, nicht zustande kommt.

Um so widersinniger ist es, wenn in dieser sehr verwandelten Nachkriegszeit Klassen künstlich geschaffen werden, nur damit es überhaupt Klassen und einen Klassenkampf gibt. Und gerade das hat die unglückselige Entnazifizierung fertiggebracht. Sie hat uns einen neuen Klassenkampf des Selbstzwecks beschwert, ein Danaergeschenk sondergleichen.

Auf dem geduldigen Papier hat man Kategorien erfunden: Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer, Entlastete. Ein ausgeklügeltes System des Nazitums in Graden und Stufen wurde geschaffen. Aber mit dieser Methode gelang es nicht, den wirklichen Nazi, den Böswilligen und strafrechtlich Schuldigen, auszusondern und zur Rechenschaft zu ziehen. Statt einer winzigen kriminellen Minderheit, die niemals eine "Klasse" hatte werden können, wurden Millionen von Menschen in das Entnazifizierungsverfahren einbezogen. Strafjustiz und politische Justiz gerieten in ein hoffnungsloses Gemenge. Und was das schlimmste ist: zwischen Hitler und dem kleinen nominellen Pg. soll es nur einen Gradunterschied der Schuld gegeben haben. Die Trennungslinie zwischen Schuld und Unschuld verläuft nach unserem Entnazifizierungsrecht zwischen den "Entlasteten" und den "Nichtbetroffenen". Das böse und entwürdigende System der fünf Kategorien von "Betroffenen" hat sie alle zusammengeschweißt, zu einer neuen Klasse von Bürgern minderen Rechts, zum mindesten zweifelhaften Rechts.

Wenn heute ein "Entlasteter" aus der britischen Zone zu einem der Zweizonenämter nach Frank-– furt versetzt wird, so wird er erneut auf Herz und Nieren geprüft, ob er auch wirklich als entlastet gelten darf. Mit anderen Worten: er ist gar nicht ohne weiteres entlastet. Oder ein Mann dieser Kategorie will am Rundfunk sprechen, nicht etwa über Politik, sondern, sagen wir, über den Wiederaufbau unserer Städte. Dann kann es ihm heute noch geschehen, daß er zurückgewiesen wird. Vielleicht hätte er Ausgezeichnetes zu sagen, tut nichts, das deutsche Publikum darf ihn nicht hören. Getestet und unzureichend befunden, trotz Entlastungsbescheid.

Auch der "Entlastete" bleibt eben in mancher Hinsicht noch ein "Nazi", muß er doch belastet gewesen sein, um überhaupt entlastet werden zu können. "Ohne jede Berufsbeschränkung", so steht es auf dem Papier, so steht es oft wirklich nur "auf Seinem Papier". Der Klassenkampf verfolgt ihn weiter. Gerade jetzt findet hinter den Kulissen der Öffentlichkeit ein zähes Ringen um den Bebördenabbau statt. Gespart muß werden nach der Währungsreform, und viele Positionen der Bürokratie sind tatsächlich unhaltbar geworden. Aber wer soll nun gehen? "Die Untüchtigsten", so sagt die Vernunft. "Die Nazis", so ruft der Chor der Klassenkämpfer. Und wer sind diese "Nazis"? Natürlich – denn anders ist es gar nicht möglich – Männer, die laut Entnazifizierungsbescheid Staatsstellen bekleiden, dürfen. Die Klassenkämpfer wollen selbst den unfähigsten "Antifaschisten" im Amte konservieren, solange nicht der letzte "Nazi" abgebaut ist. Der sogenannte Antifaschist mag ein eingefleischter Kommunist sein, also sicherlich kein Demokrat, der sogenannte Nazi mag immer demokratisch gesinnt gewesen sein und nur formal und gezwungen der Partei angehört haben, das alles ändert nicht das geringste. Betriebsräte protestieren, Gewerkschaften legen sich ins Zeug. Langwierige Auseinandersetzungen, vielfache Erbitterung. Ergebnis: der Behördenabbau findet wegen Klassenkampfs bis auf weiteres nicht statt; das deutsche Volk ist der Leidtragende.

Wie, es soll Staatsangestellten gekündigt werden? Keinesfalls, bevor nicht auch Beamte entlassen sind, so lautet die These der Klassenkämpfer. Das Währungsreformgesetz bietet ja die Handhabe dazu. Es gibt den Ländern die Möglichkeit, sich über alle Hindernisse des Beamtenrechts hinwegzusetzen. Eine äußerst bedenkliche Möglichkeit in einem Lande, das sich erneute Einbrüche in die Rechtssicherheit durchaus nicht leisten kann. Hier stehen so wesentliche Interessen auf dem Spiel, daß den Ländern dringend zu raten ist, diese "Chance" des Währungsreformgesetzes nicht zu nutzen. Aber die Kassenkämpfer wollen eine zweite Welle der Entnazifizierung, gerade unter den Beamten. Nach normalen Rechtsbegriffen dagegen muß jeder Beamte, dem die Entnazifizierung keine Berufsbeschränkungen auferlegt hat – sei er nun "Entlasteter" oder sogar "Mitläufer" – ausschließlich nach deutschem Beamtenrecht behandelt werden. Das Hamburgische Verwaltungsgericht hat diesen Grundsatz eindeutig anerkannt. Den Klassenkämpfen! ist dieses Recht der "Nazis" auf das Recht äußerst zuwider. Aber hier gibt es keinen Ausweg. Das deutsche Beamtenrecht kennt nur drei Möglichkeiten: Wiedereinstellung, Beurlaubung unter Zahlung des Gehalts, Versetzung in den Ruhestand. Auch der "Mitläufer" hat den Anspruch auf eine dieser Möglichkeiten, allen Protestversammlungen von Betriebsräten zum Trotz.