Am 16 Juli dieses Jahres, kurz nachdem der letzte deutsche Kriegsgefangene England verlassen hatte, trafen die Feldmarschälle Rundstedt, Brauchitsch und Manstein sowie Generale oberst Strauß nach dreijähriger englischer Gefangenschaft wieder in Deutschland ein. Alle vier hatten in den englischen Lagern verhältnismäßig viel Freiheit genossen und im übrigen die letzten Monate in einem Lazarett bei Diss in Norfolk verbracht, weil keiner von ihnen laut ärztlichem Befund mehr lagerfähig war. Manstein ist inzwischen nahezu erblindet und der 73jährig Rundstedt konnte sich zeitweise nur mit Hilfe von zwei Stöcken fortbewegen. Kein Wunder, daß man allgemein der Meinung war, die Überführung der Feldmarschälle nach Munsterlager bedeute den ersten Schritt zu ihrer Freilassung. Waren sie doch in Nürnberg, wo zur Zeit der letzte Generalsprozeß vor dem Abschluß steht; nicht angeklagt worden.

Daß diese Annahme jedoch unzutreffend ist, geht aus verschiedenen Veröffentlichungen der englischen Presse hervor. Zunächst erfuhr man am 21. August durch einen Brief des englischen Militärwissenschaftlers Liddell Hart an den Herausgeber des Manchester Guardian, daß die Feldmarschälle unter durchaus unwürdigen Umständen die inzwischen dank dieser Intervention behoben sind – in Munsterlager weiter auf unbestimmte Zeit in Haft gehalten werden. Am 27. August erfolgte dann auf zahlreiche Anfragen hin eine Erklärung des englischen Kriegsministeriums, in der es heißt, daß Vorbereitungen getroffen würden, um die Generale zunächst in Munsterlager aus der Kriegsgefangenschaft zu entlassen und sie sodann als Kriegsverbrecher vor ein – vermutlich in Hamburg tagendes – Kriegsgericht zu stellen. Um welche Verbrechen es sich dabei handeln soll, ist weder, den Generalen noch der Öffentlichkeit mitgeteilt worden.

Drei Jahre nach Abschluß des Krieges stellt sleh also plötzlich heraus, daß diese Generale, die einstmals die höchsten militärischen Stellen bekleidet haben – Brauchitsch war vom Einmarsch in Österreich bis zum russischen Winterfeldzug 1941 Oberbefehlshaber des Heeres – die also keineswegs den prüfenden Augen der Richter und Rächer entgangen sein können, Kriegsverbrechen begangen haben sollen. Bisher galt als ein fundamentaler Grundsatz des Rechts, daß jeder Mensch, der seiner Freiheit beraubt wird, binnen kürzester Frist den Grund seiner Haft erfährt und die Möglichkeit zu seiner Verteidigung erhält.

Wie oft haben wir während der Nazizeit erwartungsvoll der Stimme der Freiheit, die über den BBC zu uns drang, gelauscht und immer wieder verhieß sie uns Freiheit und Recht. Damals waren wir überzeugt, es sei eine besser" Freiheit und ein höheres Recht als jenes von Adolf Hitler unter Trommelwirbel und Racheschwüren verkündete. Wie, wenn sich jetzt herausstellte, daß diese Überzeugung auf einem Irrtum beruhte? Es gibt heute nur eine Gefahr, die nicht allein Deutschland, sondern ganz Europa droht: das ist der Nihilismus, die Desillusionierung des Menschen, für den es schließlich überhaupt keine verbindlichen Werte und Ideale mehr gibt und der nurmehr ein Glaubensbekenntnis kennt: Macht und Gewalt.

Gewiß, das Schicksal dieser vier Generale wird die geistige Entwicklung unserer Welt nicht entscheiden, aber bei dem Stand der Dinge kommt es auf jede einzelne Entscheidung an, weil es von der Summe aller Entscheidungen abhängt, ob die Hoffnung auf eine neue gerechte Ordnung siegen kann, oder ob die Menschheit in Resignation und Barbarei versinken wird. Hier, und das sei ausdrücklich festgestellt, handelt es sich nicht um eine nationale Angelegenheit, sondern um das Recht. Es mag genug Deutsche geben, die sich noch deutlich der kläglichen Rolle erinnern, die zwei dieser Generale am 20, Juli 1944 gespielt haben, und es gibt jedenfalls genug Engländer, die mit Empörung und Abscheu die Maßnahmen ihrer Regierung den deutschen Generalen gegenüber kritisieren. Woraus hervorgeht, daß es sich weder um ein deutsches noch ein englisches Anliegen handelt.

Eine Flut von offenen Briefen ist durch die englische Presse gegangen. Viele bekannte und bedeutende Persönlichkeiten: Bertrand Russell, J. B. Priestley, Stokes, Victor Gollancz, Prof. Gilbert Murray, Lord De l’Isle and Dudley sprechen mit brennender Sorge und heftigen Vorwürfen von dem Verrat an allem, was englische Tradition und englische Rechtsauffassung ist. Freilich läßt sich hin und wieder auch eine andere Freilich hören, unter ihnen an erster Stelle – wie sollte es auch anders sein, denn sie repräsentieren offenbar den Chor der nationalen Rachegötter – Lord Vansittart, dem sich übrigens in schöner Einmütigkeit der "Tagesspiegel" zuschöner Lord Vansittart spricht von einem "organisierten Mitleid", das die Deutschen als letzte Waffe erfunden hätten, und von kostspieligen Illusionen und Täuschungen. Vielleicht bedurfte es dieser Grabesstimme aus einer haßerfüllten, kleinbürgerlich-nationalistischen Welt von gestern, um jene guten Kräfte in England auf den Plan zu rufen, die sich ihrer England wortung für die Welt von heute und morgen wohlbewußt sind, und die am besten in der Antwort F. W. Deedes zum Ausdruck kommt, wenn er schreibt: "Lord Vansittart spricht von kostspieligen Täuschungen. Die kostspieligste Täuschung ist es, Rache mit Gerechtigkeit zu verwechseln. Jene Täuschung legte die Saat ver-Zweiten Weltkrieg; sie darf uns nicht auch noch um die eine wesentliche Unterscheidung bringen, die zwischen der westlichen Zivilisation und der übrigen Welt besteht: die Achtung vor der menschlichen Person."

Marion Gräfin Dönhoff