Nach dem gelungenen Sprung in die Marktwirtschaft kommt es jetzt darauf an, nicht zu paddeln, sondern mit kräftigen Zügen weiterzuschwimmen. Ein Spaddeln aber wäre es, wollte man dem Bedarf von Millionen mit einer Produktion nach Dutzenden zu Leibe rücken. Der Bedarf ist zu dringend, als daß man mit individualisierten Mätzchen, z. B. die Wäscheproduktion, aufspalten, verlangsamen und verteuern könnte. Die Qualität ist kein Luxus; von ihr darf nicht abgegangen werden. Auf die Einzel ausstattung zu verzichten, liegt dagegen im Interesse unserer; dringlich gewordenen Bedürfnisse vor allem bei Textilien, Schuhen und Möbeln.

Wie kommt man aber am besten zur großen Serie? Einer Bewirtschaftung im Sinne der soeben überwindend Regulierung des Nichts bedarf es dabei keineswegs. Wohl aber braucht man eine zentrale Zielsetzung. Das Programm der Verwaltung für Wirtschaft, das jetzt für die wichtigsten Textilien aufgestellt worden ist, gibt, zunächst versuchsweise für drei Monate, ein Produktions-Programm als Richtschnur. In der Doppelzone sollen monatlich 50 000 Damen-Wintermäntel, 100 000 Kindermäntel, 125 000 Frauen-Arbeitskittel, 250 000 Damen-Wäschegarnituren, 560 000 m Linon, 250 000 Schlosseranzüge. 100 000 Straßenanzüge, 250 000 Arbeitshosen, 250 000 Arbeitsanzüge aus blauem Köper, 500 000 Sporthemden hergestellt werden.

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Die Patenschaft der englischen Standard-Produktion, der Utility-Goods, ist dabei unverkennbar. Diese im Kriege entwickelte Erzeugung von "Nützlichkeits-Waren" hat sich in England so bewährt, daß sie auch in der Nachkriegszeit noch weitgehend beibehalten worden ist. Dabei war das Mißtrauen der noch immer individualistisch orientierten britischen Öffentlichkeit gegenüber dieser Massenproduktion zunächst sehr groß. Manche modische Neuerung, die mit diesem Programm verbunden wurde, ließ sich auch nicht durchsetzen. So weigerte sich die englische Männerwelt, Hosen ohne Aufschläge zu tragen. Lieber verzichtete man im Kriege auf die neue Hose, als daß man sich, dieser stoffsparenden "Revolution" anschloß. Um so größer waren die Erfolge bei Arbeitskleidung, Wäsche und Damenkleidung. Nicht nur die Verbilligung der großen Serie, die für den Verbraucher durch die Befreiung dieser Produktion von den Luxussteuern noch augenscheinlicher wurde, sorgte für diesen Erfolg. Entscheidend für die Überwindung des Konsumenten-Mißtrauens gegen alles "Billige" war der hohe Qualitätsstand.

Hält man sich in Deutschland an diesen Maßstab derJ5\wiität,so dürfteder‚EtfplgHauchlbä uns nicht ausbleiben. Wir können dann dem gegebenen Stand unserer Verarmung eine Dividende abtrotzen, die andernfalls in den höheren Kosten der individuellen Produktion verlorenginge. Die wiederhergestellte Marktwirtschaft kann damit am besten und das heißt auf wirtschaftliche Weise die dringend erforderliche soziale Note bekommen. Dabei braucht die große Serie keineswegs allein in großen Fabriken hergestellt zu werden und zu einer Zusammenballung der Industrie zu führen. Auch der wendige kleine Unternehmer wird sich hier einschalten können. Gerade für ihn sollte die Vollbeschäftigung mit einer Serie eine kalkulatorische Sicherheit bedeuten, die ihm den Verzicht auf seine Spezialität erleichtert, soweit sie für uns heute ein Luxus ist, den wir uns nicht leisten können. Gleichzeitig aber kann er seine Spezialleistung und seine eigenen Ideen in seinen Anteil an der großen Serie hineinarbeiten: auch dafür hat es in England manch schönes Beispiel gegeben.

Dem Wettbewerb der Ideen wird hoffentlich der Wettbewerb der Kalkulation zur Seite stehen. Zu diesem Zweck empfiehlt der wissenschaftliche Beirat bei der Verwaltung für Wirtschaft die Vergebung der Rohstoffe, soweit sie weiterhin zugeteilt werden, in Wettbewerbsformen. Auch die Begünstigung der Teilnehmer an großen Serien bei der Vergebung von Investitionskrediten läßt sich befürworten, soweit sie der besseren Leistung und nicht den besseren Beziehungen zugute kommt. Eine steuerliche Begünstigung der Standard-Produktion, etwa durch Fortfall der Umsatzsteuer in den verschiedenen Produktionsstufen scheint dagegen ein wenig glücklicher Gedanke zu sein. Der dahinter stehenden Absicht einer Verbilligung aus sozialen Gründen wäre viel besser mit Verbilligungsscheinen für diejenigen Verbraucher gedient, die als Arbeitsunfähige oder Flüchtlinge einer besonderen sozialen Hilfe bedürfen.

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Eine erweiterte Produktion nach den Gesetzen der großen Serie ist sicherlich die beste Verbraucherhilfe, die von der Marktwirtschaft geleistet werden kann. Daneben brauchen Erzeuger, Handel und Verbraucher, wie die Entwicklung seit der Geld Umstellung gezeigt hat, einer Hilfskonstruktion bei der Preisbildung. Einen derartigen Pegel für den Strom unserer Güterversorgung soll der Preisspiegel abgeben, der für die wichtigsten Artikel ermittelt werden soll. Der gute Gedanke der Richtpreise, der zuerst von sozialistischer Seite in die Debatte geworfen worden ist, findet seinen ersten Niederschlag in einem Preisspiegel für einige dreißig Textilartikel Dieser Spiegel Ist aus der Zusammenarbeit von Produzenten, Händlern und den Gewerkschaften als Vertreter der Verbraucher ausgearbeitet worden. Die Spanne der im Spiegel verzeichneten Preise ist bewußt sehr weit gehalten worden, wenn etwa für Anzugstoffe mit 40 v. H. Wolle, 30 v. H. Reißwolle und 30 v. H. Zellwolle ein Meterpreis von 13,50 bis 20 DM genannt wird. Es wird ja noch einige Zeit darüber vergehen müssen, bis sich die Preise eingespielt haben. Dafür ist nicht nur die Unsicherheit des warenhungrigen Verbrauchers, nicht nur das Festhalten des Handels an "traditionellen" Verdienstspannen und nicht nur die Kalkulationsverschiebung beim Erzeuger durch erhöhte Rohstoffkosten usw. verantwortlich. Auch das Mißverhältnis zwischen Produktion und Nachfrage trägt allgemein dazu bei, und die gewählte weite Spanne im Preisspiegel ist deshalb nötig, um ein vorzeitiges Erstarren der Preise zu verhindern. eg.