Auch Bernard Swaws Wahrheiten bleiben vor dem Angesicht der Zeit nicht beständig. Nur seine Klugheiten dürften die Gegenwart überdauern und die Geschicklichkeit, ein Thema dramatisch aufzubauen und psychologisch zu durchleuchten. Seine Klugheiten sind mit einem Witz umkleidet, der sie über die Jahrzehnte konserviert. Was ihn aber einmal ärgerte, muß uns allerdings heute nicht unbedingt ärgerlich machen. Die Pfeile seiner Ironie haben an manchen Stellen Rost angesetzt. Dies weiß ein guter Shaw-Regisseur und richtet sich darauf ein. –

Man erkennt die Formkraft; der Regie bei der Aufführung der "Heiligen Johanna" (im Theater der Jugend, Hamburg-Altona); man sieht die ganz besondere Sorgfalt, die Karl-Heinz Streibing gerade diesem "Shaw"-Spiel angedeihen läßt. Freilich, es ist nicht möglich, bei der "Dramatischen Chronik", in der Shaw die sechs Szenen und den Epilog seines Stückes zusammenfaßt, fortzunehmen, was nur für gestern als unumstößlich wahr galt und leuchtende Bedeutung hatte, ohne dabei das Gerüst der ineinander spielenden Dialoge zu beschädigen. Dennoch gelang es Streibing, das Stück von Entbehrlichem zu befreien und ein gutes Spiel daraus zu machen, so daß die Darsteller zuweilen an beste Vorbilder erinnerten. Liegt es nicht an der immer noch lebendigen Kraft der Rollen, daß man in Elfriede Kuzmanys pflanzenhaft zarter, fast graziler Johanna an Elisabeth Bergner, in dem degenerierten Dauphin Hans Anklams an Gustaf Gründgens’ Gaukelspiel erinnert wurde? Auch die Darsteller der anderen tragenden Rollen, namentlich Bernhard Minetti als Richard von Bauchamp und des Dunois des Klaus Hofer, waren stark und bleiben einprägsam. Das vorzüglich auf das Spiel abgestimmte Bühnenbild Edward Suhrs bot der Darbietung eine günstige Ergänzung.

Es geht in dem Stück (in der Deutung Shaws) um das Landmädchen Johanna, das, "verliebt in die Religion", wie es der Erzbischof meint, in seinem Herzen Vaterlandsliebe und strenge Gläubigkeit vereint. Da das Mädchen Johanna sich für von Gott berufen hält, den "Stimmen" zu gehorchen, die ihm auftragen, die Heimat von den Feinden zu befreien, gerät es in das Getriebe machtpolitischer Bestrebungen. In diesen rein irdischen Konflikt ist – wie dies schon das Großinquisitor-Beispiel Dostojewskijs deutlich gemacht hat – niemand zu dulden, der sich mit der Berufung auf seine unmittelbare göttliche Sendung darin einmengt. Das beweist Bernird Shaw und das ließ auch die gelungene Aufführung sichtbar werden. A. Nowakowski