Das Ende der "Dritten Macht" erscheint als die entscheidende Schlußfolgerung aus den sich seit zwei Monaten hinziehenden französischen Regierungskrisen. Die "Dritte-Macht" droht zugrunde zu gehen wie im Weimar-Deutschland die Große Koalition. Während Ramadier es beim Regierungsantritt am 31. Januar 1947 noch auf 549 zu Null Stimmen gebracht hatte, erzielte Schuman mir Seiner ersten Regierung (22. November 1947) 412:186, Marie-Reynaud (24. Juli 1948) 352:190, Schuman mit seiner zweiten Regierung (31. August) nur noch 322:185, und am 7. September blieb er mit 289:295 schließlich in der Minderheit. Queuille brachte es immerhin am 10. September auf 351:196. Durch etwas weniger Stimmenthaltung auf der Rechten gegenüber der schon traditionellen Zahl der Kommunistischen Neinstimmen war dieses Abstimmungsergebnis zustandegekommen.

Queuilles Anfangserfolg bestätigt zwar, daß bei den parlamentarischen Methoden in Frankreich nie von einer "allerletzten Chance" gesprochen werden kann; er kann aber auch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Gegensätze, die beim Sturz der Regierungen Marie-Reynaud undSchuman so schroff zutagetraten, diesmal nur notdürftig überbrückt wurden. Die Sozialisten stürzten Marie-Reynaud, weil ihnen von dieser Regierung die Lohnerhöhungen nicht in der gewünschten. Höhe bewilligt wurden, indes die Lebenshaltungskosten weiter ansteigen, so allein im August um 9,3 v. H., weil die Regierung ferner die sozialisierten Betriebe auf eine "rentable Basis" bringen, also entstaatlichen wollte und die Kulturpolitik durch Klerikale betreuen ließ. Sie befürchteten mit Recht, daß der Krise des Kommunismus, dessen Partei sie ja immer als ihre engere Konkurrenz sehen, im eigenen Lande ein neuer Aufschwung folgen könnte, falls sie den Kurs Reynauds gestützt hätten.

Die Regierung Schuman wollte diesen Erwägungen. der Sozialisten Rechnung tragen, zumal die Radikalisierung der Arbeiter nach Monaten des Arbeitsfriedens plötzlichwieder immer bedenklichere Ausmaße annimmt. Eine große Streikbewegung droht. Zeitlich begrenzte Proteststreiks sind die Regel geworden. Die Beamten, die öffentlichen Angestellten, die Eisenbahner, die Kohlenarbeiter, die Arbeiter der Großbetriebe sind in Bewegung geraten, in Dijon mußte die Polizei eingreifen, in Paris schützte Polizei zusammen mit der Garde den Palast des Präsidenten sowie die Nationalversammlung gegen, kommunistische Demonstranten. Wohl zum Teil unter dem Druck der Straße übernahm Schuman die sozialistische Formel: Erhaltung der Kaufkraft der breiten Masse und bewilligte – wie nun auch Queuille eine einmalige Teuerungszulage von 2500 Franc für die Monate Juli und August.

Diese Zugeständnisse gingen vielen bürgerlichen Abgeordneten zu Weit. Vor allem opponierten sie, weil zum ersten Male in der Geschichte der Vierten Republik (mit Christian Pineau) ein Sozialist in das Finanzministerium einzog, und dazu noch in dieser wirtschaftlichen Schlüsselstellung dieselben Vollmachten erhalten sollte wie Reynaud. Ein solches Zugeständnis – Am Lande derSparer und Kleinkapitalisten an die Sozialisten war sogar vielen Sozialistisch-Radikalenzuviel. Sie, die von jeher von allen, bürgerlichen Parteien den Sozialisten am engsten verbunden waren, entnahmen nun dem Vokabular der Nationalisten die Forderung, die Kluft zwischen dem pays reel und dem pays legal zu überbrücken. Der Abgeordnete Vadie, der in ihrem Namen sprach, verlangte Neuwahlen. Die katholischen Volksrepublikaner, die in allen Regierungen der Vierten Republik mit den Sozialisten eng zusammenarbeiteten, erklärten nach dem Sturz Schumans, daß – wie schon vor dem Kriege – trotzder Stärke der Sozialisten und Kommunisten eine Regierung ohne Sozialisten und Kommunisten gebildet werden solle, vielleicht zeitweilig von den Sozialisten geduldet – wie einst in Deutschland.

Das Schicksal der Regierungen Marie-Reynaud und Schuman ist ein Beweis dafür, wie kritisch Einstellung zur "Dritten Macht" geworden ist, wie scharf reagiert wird, wie unbedenklich fast Regierungskrisen trotz wirtschaftlicher und sozialer Not in Kauf genommen werden, wenn das Steuer ein wenig zu weit nach links oder nach rechts gehalten wird. Der 64jährige Henri Queuille steht als Ministerpräsident und als Finanzminister vor keiner beneidenswerten Aufgabe. Sein Appell an die Vernunft wird wenig nützen, von einem Programm kann kaum gesprochen werden, das Steuer hat einen kleinen Ruck nach rechts bekommen, dafür kulturpolitisch einen schwachen Stoß nach links. Für Queuille, den Freund Herriots, spricht nur, daß dieser: erfahrene Taktiker, der seit zwanzig Jahren fast jeder Regierung angehört hat und seit 1943 eine führende Rolle in der Widerstandsbewegung spielte, vielleicht doch noch eine Brücke zwischen den alten und den neuen Kräften sein könnte.

Eine wirkliche Lösung ist kaum noch zu erwarten; nachdem die Karte Reynaud leichtfertig verspielt worden ist. Ein Trumpf zwar ist vielleicht noch da: man könnte von der Geldseite das Lohn-Preisproblem anpacken indem man das Geld verknappt, wie es schon René Mayer zaghaft versuchte und andere Länder, so Westdeutschland, mit mehr Erfolg getan haben, aber dazu ist wohl doch eine Autorität wie die der Besatzungsmacht notwendig, wenn dieses Mittel umfassend angewandt werden soll. De Gaulle scheintdarum manchem die unvermeidliche Lösung zu sein. Der Radikalsozialist Vadie hätte nie so radikal nach Wahlen gerufen, wenn der "kleine Mann" nicht ebenso denken würde; die Zeitungen, die der Mann des Volkes liest, erwarten de Gaulle Auch außerhalb Frankreichs mehren sich Pressestimmen, die auf de Gaulle als die einzige noch mögliche Lösung anspielen. Wie war es doch, muß man sich fragen, 1932 in Deutschland? Nach dem Versagen der Republikaner, so meinte damals so mancher, müßte man Hitler eine Chance geben, auch wenn er kein vernünftiges Programm hätte. Es brauche sich ja nicht alles zu wiederholen, auch bestünden wohl erhebliche Unterschiede, so wird heute argumentiert. Vincent Auriol, wenn er nicht zurücktreten müßte, sei klüger und energischer als Hindenburg, Reynaud, wenn er mitmachen würde,ließe sich nicht so leicht beiseiteschieben wie Hugenberg. Die Arbeiter würden ihre Organisationen nicht zerschlagen lassen, sondern auf die Straße gehen. Der Marshall-Plan-Verwalter Hoff man meint, de Gaulle sei kein Faschist, in Frankreich sei auch keine Möglichkeit einer faschistischen Regierung, ein gaullistisches Frankreich würde somit nicht unter die Länder fallen, denen die Marshall-Hilfe gesperrt würde, weil ihre Regierung kommunistisch oder faschistisch sei. De Gaulle, der eine Vortragsreise nach Südfrankreich angetreten hat, fing den Ball auf und erklärte in Toulon: "Ich bin kein Diktator, ich bin weder ein Napoleon noch ein Boulanger, sondern General de Gaulle, der die Freiheit auf seine Fahne geschrieben hat." Der Führer der Widerstandsbewegung will "Frankreich in der Heimat als auch draußen wieder Ansehen verschaffen." Ein klar umrissenes Programm, um die Finanz- und Währungsfragen zu lösen, hat weder de Gaulle noch Queuille noch Thorez entwickelt. Es könnte auch nur ein sehr unpopuläres sein. Seinem Verkünder aber droht immer das Schicksal Reynauds. W. G,