Von M. v. Schlippenbach

Diese meine Ehegeschichte befaßt sich weniger mit meiner eigenen Person als mit den zuständigen Landesgesetzen und deren Ausführungsbestimmungen. Sie wird darum von dem unstudierten und fachlich nicht geschulten Leser kaum, verstanden werden, und ich gebe den Nichtabiurienten, die sich dennoch dafür interessieren, den Wink, einen Akademiker oder einen Beamten von mittlerer Gehaltsstufe aufwärts als Sachberater hinzuzuziehen; es sei denn, auch diesem wäre sie unentwirrbar.

Die zur Zeit meiner und unserer Eheabsichten – denn ich bin autorisiert, auch im Namen neuer zeitweilig geschiedenen und ungeschiedenen Frau zu sprechen – gültigen Landesgesetze verboten dem Staatsbürger eine "lästige Ausländerin" zu freien. Sie schrieben ihm vor, seine Wall nach der Stammutter der gesetzlich erwünschten zahlreichen Nachkommenschaft männlichen wie weiblichen Geschlechtes unter den blonden, blauäugigen und breithüftigen Landestöchtern zu treffen. Meine Wahl dagegen war staatspolitisch bedenklich, verstieß gegen das Gesetz des gesunden Volksempfindens und der rassereinen Gattenwahl und wurde als Verrat am Volkstum gebrandmarkt. Ich verriet, wählte, und meine Ehe, von der hier unter anderem die Rede sein soll, wurde am Freitag, dem 13. um 13.30 Uhr, in Zimmer 13 des Standesamtes des 13. Bezirkes unserer Stadt geschlossen.

Lange Zeit bevor wir uns kannten und also die Absicht haben konnten, einmal den lockeren Bund der Ehe einzugehen, besuchte meine Frau die Schule. Das mußte sie, wie alle anderen Jungen und Mädchen ihres Alters – und sie tat es in Deutschland. Es war aber die Zeit> da’sich alle Jugendlichen weiblichen Geschlechtes spontan in dem Bund der deutschen Mädchen zusammenfanden, bevor sie der Frauenschaft oder dem Bund deutscher Stammesmütter beitreten konnten. Wie alles in dieser freien Zeit, geschah auch dieser Zusammenschluß freiwillig, indem man einfach klassenweise geschlossen Mitgliederausweist anfertigte und dieselben jeder Schülerin in der großen Pause vor dem Frühstück überreichte. Damit war man freiwilliges Mitglied, geworden – so auch meine jetzige Frau. Das war gesetzlich zwar gar nicht zulässig, denn sie. – als listige Ausländerin hätte gar nicht der Ehre. teilhaftig sein dürfen, einer so erlesenen Schar zukünftiger Mütter und Begattinnen anzugehören; aber was war nicht alles ungesetzlich in dieser Zeit? Der blaue Mitgliedsausweis wanderte nicht in den Papierkorb, der ihm gebührte, sondem wurde zu den Akten der landesüblichen Personalausweise unter "B" abgeheftet und gelagert. Nach vielen Jahren erst, nachdem viele. unnütze Worte über die Lippen der Mitmenschen unser Ohr erreicht hatten, tat dieser "Ausweis aus Versehen" seine Pflicht und Schuldigkeit. Er wurde der Akte B entnommen, mit einem Lichtbild versehen, geflissentlich unterschrieben und "auf gebraucht" frisiert, und mir ihm allein gelang es mir, die Behörden zu überzeugen, daß meine Frau, alias lästige Ausländerin, eine gute und zuverlässige Deutsche sei. Nur was man im Leben und vor dem Gesetz beweisen kann, hat Gewicht; Wahrheit und Vernunft werden zerschmettert von der Gewalt des Beweises!

Du Ende der tausend Jahre und damit der Beginn unseres dritten Ehejahres mit der Geburt unserer zweiten Töchter – wie man es nehmen will – fand uns beide getrennt in unserer jeweiliger Heimat. Dazwischen zwei Schlagbäume und 7,50 Meter Niemandsland, eine Strecke, die von jedem Olympiakämpfer beim Training mit lässiger Grazie übersprungen wird, die zurückzulegen wir jedoch genau 3 Jahre, 1 Monat und 17 Tage brauchten, was einer Stundendurchschnittsgeschwindigkeit von rund 0,8 Millimeter entspricht. War bis jetzt meine Frau das schwarze Schaf in meiner Sippe und der Tintenfleck im führergeweihten Stammbuch meiner Familie, so übernahm ich über Nacht die Rolle, die sie über drei Jahre zu spielen die Ehre gehabt hatte. Denn nun galt es in ihrer Heimat als Verbrechen, mit einem Deutschen verheiratet zu sein. Die Verhältnisse begannen sich zu komplizieren. Meine Frau mußte sich scheiden lassen, während ich auf der andren, diesmal auf der falschen Seite des Schlagbaums, verheiratet blieb. Eine Tatsache, die meiner Frau jede Freiheit einerneuen Wahl zurückgab, während ich mich bei gleichartiger Betätigung des Ehebruchs oder der Bigamie schuldig gemacht hätte. Unsere Kinder allerdings hingen nunmehr völlig in der Luft und waren ihres Vaterlandes, jeglicher Staatsangehörigkeit oder Volkszugehörigkeit ebenso beraubt wie der Klarheit über ihre Eltern und den gesetzlichen Vormund. Gott sei Dank, sie merkten es kaum, denn sie hätten sich sonst gewiß geweigert, in dieser Welt noch groß zu werden. Aber es kam noch besser! Da wir einmal geheiratet hatten, um eine Ehe zu führen, und dies nicht nur in Form von Dokumenten, Ausweisen, Liebesbriefen, kostspieligen Ferngesprächen und Telegrammen, gingen, alle unsere Bemühungen dahin, wieder zusammenzukommen. Der Erfolg dieser Bemühungen war uns, wie schon erwähnt, nach 3 Jahren, 1 Monat und 17 Tagen, also nach 9648 Stunden und fast 402 schlaflosen Nächten beschieden. Erst nach dieser Zeit eines unermüdlichen Kampfes mit und gegen die Ämter und Behörden, gegen den die 9 Monate Heiratserlaubnisschwindel vor nahezu tausend Jahren eine kleine Saalschlacht gewesen waren, konnte ich Frau und Kinder an dieser Seite des Schlagbaums, und zwar im Zweiterklasseabteil des Orientexpresses, in Empfang. nehmen.

Meine nunmehr geschiedene Frau mußte alles versuchen zu beweisen, daß sie keine böse Deutsche sei, denn das wollte man dort so haben; ich als Ehemann wiederum diesseits des Schlagbaums sollte beweisen, daß meine Frau überhaupt nur Deutsche sein könnte. Beide Beweise gelangen uns lückenlos und einwandfrei. Die zweite Forderung, die das Gesetz an mich stellte, war der Beweis, daß meine Frau und Kinder im Jahre 1939 ihren Wohnsitz in derjenigen Zone Deutschlands gehabt hatten, in der ich meinen derzeitigen genehmigten Wohnsitz innehabe. (Das war nun nur für Volljuristen.) Im Falle meiner Kinder wäre vielleicht zu beweisen gewesen, daß sie bei Kriegsausbruch in jener kommenden Besatzungszone geplant waren oder wenigstens die Absicht hatten, einmal in ihr zur Welt zu kommen. Die Sache wurde dadurch kompliziert, daß unser beider Wohnsitz seinerzeit die Reichs- und Landeshauptstadt Berlin gewesen war, die im Jahre 1945 in vier Sektoren eingeteilt wurde. In weiser Voraussicht der Beschlüsse von Jalta und Potsdam aber hatten wir bereits im Jahre 1939 unseren Wohnsitz in die heutige britische Besatzungszone Deutschlands, das heißt: in den britischen Sektor von Berlin verlegt – quod erat demonstrandum – was an Hand von Meldeformularen, Mietverträgen und eidesstattlichen Erklärungen bewiesen werden konnte. Im Falle meiner Frau hätten sich ihre Eltern fast verkalkuliert, denn wären sie im Jahre 1939 nur vier Häuser weitergezogen und hätten mithin im heutigen russischen Sektor gewohnt, so wäre ihrer Tochter jetzt nach 9 Jahren der Weg zu ihrem geschiedenen und ungeschiedenen Ehemann in der britischen Besatzungszone ewig verschlossen geblieben.

Der Papiere nicht genug! Die Einreisebehörde verlangte eine Zuzugsgenehmigung meines derzeit amtlich genehmigten Wohnortes. Dieselbe verwies mich an den Wohnsitz meiner Frau im Jahre 1939, der aber wiederum für mich nicht zuständig war. Außerdem wurde mir auseinandergesetzt, daß Zuzugsgenehmigungen nur an Personen erteilt und ausgegeben werden, die bereits anwesend sind; meine Frau aber konnte nicht anwesend sein, denn sie erhielt die Einreise ja nur unter Vorlage der Zuzugsgenehmigung, diese aber wiederum nur nach erfolgter Einreise. Hier erkennt der Leser, dem es gelang, bis dahin zu folgen, wie sich folgerichtig Gesetz an Gesetz, Bestimmung an Bestimmung reiht, damit ja keine Anordnung hindurchschlüpft, die nicht von einer anderen widerrufen wird! Aber auch das gesetzlich Unmögliche war möglich; auch dieses Hindernis wurde genommen, und wiederum Freitag, den 13., überschritt, das heißt überfuhr meine Frau die Grenze einer Besatzungsmacht, die früher einmal die Grenze eines deutschen Reiches war. 48 Stunden später wurde sie von der Geheimpolizei gesucht. Und hier ist der ernste Moment dieser an sich heiteren Geschichte: Hätte der Referent Mayer in Zimmer 427 zwei Tage Schnupfen gehabt, und hätte Fräulein Schulze als Sekretärin des Präsidenten weiterhin auf der Weigerung bestanden, mich zur Audienz anzumelden, so wären meine Frau und Kinder nicht in der britischen Besatzungszone Deutschlands, sondern in einem Lager Ostsibiriens gelandet. Herr Mayer aber und Fräulein Schulze hatten in ihren Amtsräumen bedauernd die Schultern gehoben und mich auf die einschlägigen Paragraphen verwiesen.