Von Gisela v. Busse

Zwei Erlebnisse seiner Jugend haben die geistige Persönlichkeit Herders bestimmt; beide stehen in mittelbarem Zusammenhang mit dem Buch. Das erste gab ihm im Buch den Befreier aus der Enge und Notdurft des Alltagslebens; das war, als der eben aus der Schule Entlassene, durch die beschränkten häuslichen Verhältnisse zu selbständigem Geldverdienen gezwungen, noch im heimatlichen Mohrungen nachts einsam über den Büchern aus der Bibliothek seines Brotgebers Tresko saß; hier wagte seine junge Seele ihre ersten Höhenflüge in das Reich des Geistes. In dieser Zeit bedeutete das praktische Leben des Alltags für ihn Fron und Abhängigkeit,, und Freiheit lag im Geistigen allein, wie es ihm aus den Büchern zuströmte. Für sie gilt wohl sein späterer Ausspruch: "Wie walle ich auf, ein Buch zu lesen, es zu haben .. Das zweite Erlebnis ließ ihn die Vielleserei verwünschen, wohl aus dem Gefühl, das er erst sehr viel später in die Worte kleidete: "Das verruchte Lesen schwächt die Seele und den Körper; man wird aus sich selbst gerissen und hat im eigentlichen Sinne fremde Gedanken." Das war etwa acht Jahre später, als er sich in einer völlig neuen Situation befand, zum erstenmal ohne jedes Buch, nur auf sich allein angewiesen, zu Schiff auf hoher See. Von seinen Gedanken und Empfindungen auf dieser Reise gibt wohl die merkwürdigste seiner Jugendschriften, das "Journal meiner Reise im Jahr 1796", Zeugnis. Es ist beherrscht von dem Gefühl, daß er seine Jugend falsch verbracht habe, weil er sich in Büchern, statt im Leben bewegt habe.

Zwischen diesen beiden Extremen, dem Hingezogenwerden zu den Büchern und dem Sichfernhalten von ihnen, hat Herder im Verlauf seines Lebens einen Ausgleich finden müssen. Das Problem war dabei, ob überhaupt und wie Lesen und Leben miteinander in Einklang gebracht werden konnten. Wenn wir seine späteren Schriften ansehen, so zeigt die Menge der Anmerkungen und Zitate, daß er weiterhin ständig gelesen und Gelesenes verarbeitet hat. Heißt dies, daß er zu seinem frühen Zustand, das Leben im Lesen aufgehen zu lassen, zurückgekehrt ist, oder gab es eine andere Lösung?. War Herder das, was wir einen Büchermenschen nennen?

Büchermensch, darunter verstehen wir im allgemeinen einen in seine Klause verschlossenen, dem Leben fernen Menschen, ja, meist einen Lebensuntauglichen; eine ein wenig lächerliche, dabei meist sehr liebenswerte Figur. Das Wesentliche scheint die Lebensferne, die sich dem kritischen Blick des Gegentyps zum Büchermenschen, des "Wirklichkeitsmenschen", als Lebensuntauglichkeit darstellt, und diese Ferne kommt dadurch zustande, daß sich zwischen den Menschen und das Leben das Buch schiebt, durch das hindurch er nun wie durch ein Glas alles von außen Kommende in sich aufnimmt. Wenn dies stimmt, so verkümmert durch das viele Lesen die Fähigkeit, unmittelbar zu erleben. Verlangen aber die Bücher notwendig dieses Opfer und gewähren sie als Ersatz dafür wenigstens freie Bewegung im geistigen Bereich?

Um beim Beispiel Herders zu bleiben: – Auf der Seereise, überwältigt von dem neuen Erlebnis, daß er allein mit seinen Gedanken zwischen Himmel und Wasser schwebte, hatte er gemeint, ohne Bücher neue Erkenntnisse zu gewinnen. Aber diese Ablehnung des Bücherlesens war ebenso einseitig wie das Lesen selbst, das er vorher betrieben hatte, schon im Reisetagebuch bleibt sie nur gelegentlicher Gefühlsausbruch. Seine Erkenntnis ist es dagegen, daß das Lesen der Seele schädlich oder nützlich sein kann, je nachdem wann und wie es betrieben wird. Schädlich ist das Zur-Unzeit-Lesen, Zuviellesen ohne Gefühl und Phantasie, Nur-mit-halber-Seele-Lesen. Dem Kind aus den Büchern toten Wissensstoff eintrichtern, heißt seinen Verstand trainieren wollen zu einem Zeitpunkt, wo Anschauung und Einbildungskraft die herrschenden Kräfte seiner Seele sind; die Erziehung, die so verfährt, läßt sündigt sich daher an dem kindlichen Geist, läßt die Seele vorzeitig ersten Deshalb stellte Herder daß "Wem seine ersten Bilder so schwach sind, sich er sie nicht stark und eben in der Stärke von sich geben kann, da er sie empfangen, der ist schwach und alt. So geht’s allen Vielbelesenen und Zuviellesenden, die nicht Gelegenheit haben, das, was sie gelesen, einmal stark und lebendig zu wiederholen; oder die nicht Lebhaftigkeit genug habe, zu lesen, als ob man sähe, fühlte, selbst empfände oder anwendete; oder endlich, die durch zu überhäuftes, schwächliches Lesen sich selbst aufopfern! So geht’s mir." Nützlich dagegen ist es, "ein Buch auf einmal so lesen zu können, daß ich’s ganz und auf ewig weiß, für mich, und wo ich gefragt werde, wo ich’s anwenden soll, und auf welche Art auch die Anwendung sein möge. Ein solches Lesen muß Gespräch, halbe Begeistefällt werden oder es wird nichts!" Von hier aus fällt auch auf den Satz vom "verruchten Lesen" der rechte Licht: so. kann nur jemand sprechen, der wohl am Lesen gelitten hat, aber doch immer wieder durch seine Natur dazu getrieben wird. Denn in Wahrheit ist das Buch für Herder der Freund, mit dem er den lebendigen Umgang des Gesprächs führt. Entscheidend für dieses sein bleibendes Verhältnis zum Buch ist die Erkenntnis, daß der Mensch, auch, und gerade als denkendes Wesen, kein losgelöstes Einzelindividuum, sondern ein in den großen Lebens- und Kulturzusammenhang hineingestelltes geschichtliches Wesen ist, und daß jedes Schaffen ein Aufnehmen voraussetzt, jedes Aufnehmen aber tot bleibt, wenn es sich nicht in Schaffen oder in Weitergeben umsetzt. Hören, Weiterdenken, Verarbeiten, Richtigstellen, seine eigenen neuen Erkenntnisse der Menschheit seiner Zeit einprägen, das war Herders Geschäft in dieser Welt; die Bücher gehörten wesentlich dazu; kann man noch sagen, daß es dadurch dem wirklichen Leben abgewandt war?

In seinem Denken und Wirken hat Herder die Lebensferne, zu der ihn seine frühe Jugend getrieben hatte, überwunden. Wie steht es mit jener anderen Gefahr des Büchermenschen, der man-Herder Erlebnisfähigkeit? Sehen wir uns dafür Herder auf Reisen an. Als der Kantorssohn die dem deutschen Osten, für den Riga bereits die große Welt bedeutete, auf seiner ersten großen Reise nach Frankreich kam, hat er, statt mit allen Fasern seines Wesens begierig das Neue von Land und Leuten in sich aufzunehmen, an seinen Freund, den Verleger Hartknoch in Riga, dringende Briefe geschrieben, mit der Bitte, ihm neue Bücher zu schicken. Als er anschließend nach Paris kam, "durchtrabte" er Sammlungen und Museen, nicht im Genuß des Anschauens, sondern um das Gesehene mit dem Gehörten zu vergleichen, zu verarbeiten, daraus Schlüsse zu ziehen auf den französischen Geschmack und französischen Charakter, und er ist in Frankreich bald "herzlich müde". In Rom, das er als reifer Mann besuchte – an einer der herrlichsten Stellen der Welt, auf dem Monte Pincio wohnend, mit den besten Kunst- und Romkennern seiner Zeit als Führern, drängte er mit Ungeduld in seine Häuslichkeit in dem engen nördlichen Weimar zurück. Muß man hier nicht nördlichen feststellen: was Erleben heißt, war diesem Mann fremd? Wie aber nun, wenn er Shakespeare oder Ossian oder schottische Balladen oder das Hohelied liest? Wie gerät da alles in Aufruhr und Bewegung, wie erspürt er bis in die letzten Schwingungen den Klang dieser Dichtungen! Es gibt nur eine Erklärung, die diesen Widerspruch löst: Herder war ein Mensch des Ohres, nicht des Auges. Er konnte erleben wie nur irgendeiner, aber er erlebte nur, was das Ohr ihm zutrug. Sein echtestes Kunsterlebnis war an das Buch gebunden, weil Dichtung (außer der Musik) die ihm gemäßeste Kunst war und Dichtung nicht anders als im Buch zu fassen ist. Daß dies so war, hat Herder immer bedauert und als einen Mißstand angesehen; das Buch war ihm hier der traurige Notbehelf für das lebendige menschliche Gedächtnis, das in frühen Zeiten Dichtung von Mund zu Mund weitergab. Wenn schon Dichtung gelesen werden muß, so ist sie wenigstens laut zu lesen, das ist eine seiner ersten Regeln für Schul- und ästhetische Erziehung.

Durch zwei verschiedene Stränge ist Herder ans Buch gebunden. Der eine ist sein von der erzieherischen Absicht geleiteter Wissensdrang; mit ihm bemächtigt er sich des Buches als des Behälters, aus dem die großen weltbewegenden Gedanken des Menschen geschöpft und dem die eigenen Gedanken wieder zugeführt werden. Der andere ist seine Liebe zur Dichtung, seine Fähigkeit, vom Klang aus in den inneren Sinn jedes sprachlichen Gebildes einzudringen, sein Fühlen und Empfinden also; dies ist auf das Buch angewiesen, weil Dichtung nur im Buch festgehalten wird. Beides sind höchst lebendige Beziehungen, die ihn nicht vom Leben entfernen, sondern gerade erst an das Leben heranbringen. Sein ganzes Lebenswerk können wir als eine Erfüllung jenes großen Planes ansehen, den er im Reisejournal mit den Worten umriß:

"Ein Buch über die menschliche Seele, voll Bemerkungen und Erfahrungen, das sollte mein Buch sein; ich wollte es als Mensch und für Menschen schreiben! Es sollte lehren und bilden!"