Von Walter Henkels

Als im September 1947 der Baron Pölnitz, Administrator der Augsburger Fugger, Doktor und Professor dazu, bei der feierlichen, Übergabe der ersten wiederhergestellten Häuser der Fuggerei eine Rede hielt, machte er, so berichten Teilnehmer, zum Beginn eine ganz kleine Kunstpause, warf einen leichtmaliziösen Blick auf die als Gäste eingeladenen Herren der Militärregierung und sagte: "Als Amerika von Kolumbus entdeckt wurde, gab es in Augsburg bereits eine ‚Goldene Schreibstube‘ Jakob Fuggers." Die Herren, mit Sinn für pointierte Späße, lächelten freundlich zurück. Der Baron stellte fest: ihren souveränen Gefühlen ist man nicht mehr gewachsen.

In der Tat war die "Goldene Schreibstube" Jakob Fuggers sozusagen die Wallstreet des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gewesen. Jakob der Jüngere ("der Reiche" genannt), der ursprünglich für den geistlichen Stand bestimmt war und bereits die niederen Weihen empfangen hatte, baute das väterliche Unternehmen zum großartigsten, weltumspannenden Handels- und Finanzinstitut aus. – Mit Kaisern und Königen und selbst mit der päpstlichen Kurie machte er seine Finanzaktionen. Heute würde man ihn zur Kategorie "Finanzmagnat" oder "Monopolkapitalist" zählen, und sicher säße er in Nürnberg, lebte er noch.

Die Nachfahren des Mannes mit dem schlichten Namen Jakob Fugger sind nicht gerade Leute am Bettelstab, aber mit ihrem Urahn können sie es nicht aufnehmen. Die Häupter dreier Fugger-Linien, zusammengefaßt im Familien-Seniorat, sind heute die Verwalter des Jakob Fuggerschen Nachlasses: Joseph Ernst fürst Fugger von Glött auf Schloß Kirchheim-Schwaben, Friedrich Carl Fürst Fugger-Babenhausen auf Schloß Wellenberg und Dr. Clemens Graf Fugger – Kirchberg – Weißenhorn auf Schloß Oberkirchberg. Jakob Fugger, Bankherr Europas, hat viel nachgelassen. Nicht zum geringen Teil waren es seine zahllosen Stiftungen religiöser, sozialer und kultureller Art. Ihre Motive entsprangen, wie alle Wohltätigkeit des späten Mittelalters, weniger sozialem Sinn, als der Sorge um das eigene Seelenheil, also der Gewinnung von Ablaß und Gnade. Eine der erstaunlichsten Stiftungen ist die sogenannte "Fuggerei". Es sind nicht die 15 000 Goldgulden, die Jakob Fugger im Jahre 1-511 dafür seinem Säckel entnahm, das wird kein Kunststück für ihn gewesen sein. Er ließ 53 Doppelhäuser mit 106 Wohnungen für unverschuldet in Armut geratene Augsburger Bürger bauen; ein Armenquartier also, aber eine Siedlung, die sich noch heute sehen lassen kann. Seitdem bezahlen die "Inwohner" einen rheinischen Gulden gleich 1,71 Mark jährlich an Miete, auch vor der Währungsreform, auch während der Inflation der zwanziger Jahre. Dafür muß – laut Stiftungsurkunde – "jeder Mensch, jung oder alt, so es vermag, ein Pater noster, ave Maria und ein Glauben alle Tag sprechen für die fundatores, dero Eltern, Brüder und andere geschwistergeht und nachkommen." Ein Vaterunser also täglich für die Fugger; ein Vaterunser der Armen, das ihnen Wohnrecht, den Fuggers christlichen Schlaf verheißt. Reinen Herzens werden die Fugger vor dem Höchsten stehen können.

Die Bomben des zwanzigsten Jahrhunderts planierten auch die Fuggerei; nicht gänzlich, aber deutlich, 27 Häuser waren zerstört. Aber es war nicht mehr als ein Ausdruck Fuggerscher Art, daß man sofort nach dem Kriege an den Wiederaufbau ging. Der Baron Doblhof, ein junger Architekt mit einigen Plänen im Kopf, leitet ihn. Der kleine Fugger-"Staat" inmitten der Stadt Augsburg, der noch heute von seinen mehr als vierhundert Jahre alten "Gesetzen" zehrt, ist eine Welt für sich. Nicht, daß es dort keine Normalverbraucher gäbe, aber es ist doch keine Armeleute-Atmosphäre, obwohl es arme Leute sind, die hier leben. Millionen Menschen würden heute die Fuggerei-"Inwohner" beneiden um dieser hübschen und properen Wohnungen willen. Selbst die zerstörten Möbel stellt die Fuggersche Verwaltung her.

In der Fuggerei, in der Finsteren, Mittleren und Hinteren Gasse, in der Herren-, Ochsen- und Saugasse, geht es noch etwa zu wie im Pfefferkuchenmärchen. Es empfiehlt sich, die Folgen der Brandbomben zu übersehen, obwohl sie nicht zu übersehen sind. Alle vier Tore der Fuggerei werden, wie schon vor vierhundert Jahren, abends um zehn Uhr geschlossen und um vier Uhr morgens wieder geöffnet. Jeder Fuggerei-Einwohner, der nach Toresschluß herein will, muß bis Mitternacht zehn, danach zwanzig Pfennig Sperrgebühr bezahlen. Kein anderes "Individuum" darf nachts in der Fuggerei betroffen werden. Dem vorgeschriebenen frommen, ehrbaren, friedfertigen Wandel der Einwohner entspricht es, daß "jedes Familienoberhaupt auf den Umgang lediger Töchter und weiblicher Dienstboten mit dem anderen Geschlecht sein besonderes Augenmerk richtet." Amis, deren es in Augsburg viele gibt, sieht man also nicht hier; man hat keine Molesten mit ihnen, übrigens auch nicht mit den Herren vom Wohnungsamt, die sich vielleicht ganz gern sehen lassen möchten in den hübschen Wohnungen. Der alte Fugger-Kontrakt mit der Stadt verbietet es. Es bleibt uns noch, darüber nachzudenken, warum das Halten eines Hundes verboten ist. Hypothetisch ist die Bestimmung, daß "dem hohen fürstlich und gräflich Fuggerschen Familien-Seniorate jederzeit das Recht zusteht, einem Fuggerei-Bewohner sein Wohnrecht ohne Angabe eines Grundes zu entziehen" und "bei etwa nicht bestätigtem Auszüge die Stiftungs-Administration nach Umfluß dreier Tage die Befugnis hat, das Mobiliar anderswohin, erforderlichen Falls auf die Straße, translocieren zu lassen." Aber das kommt, wie gesagt, nicht vor.

Die armen Leute sind, wenn man es genau besieht, gar keine armen Leute. Sie sind gut und gerne Kleinbürger, mit Paradekissen auf den Betten, frommen und ehrbaren Sprüchen an den Wänden, selbstgestickt, einem Kruzifix über der Tür zur "guten Stube" und einem Elfenbild über den blütenweiß überzogenen Betten, allenfalls noch über dem Vertiko das Soldatenbild des gefallenen Sohnes oder Enkels. Auch ein wenig Plüsch ist da. Auf einem großen Pappkarton ist die Fuggerei-Hausordnung gedruckt, aus der sie lesen können, "daß sie ihre täglichen Gebete für das Wohl der edlen, Fuggerschen Familie zu Gott richten sollen." Das tun sie gerne, sehr gerne, denn die Administration hat verlauten lassen, daß nun in jedes Haus kostenlos ein W.C. eingebaut wird und ein eigener Fuggerei-Arzt und eine besondere Frau zur Betreuung der älteren, kranken Leute als Pflegerin bestellt ist. Alles kostenlos, das heißt alles für 1,71 D-Mark jährlich. Das tägliche Vaterunser für.-die Fugger ist demnach absolute Ehrensache. Die Fugger sollen alle in den Himmel, kommen. Auch auf dem letzten zerstörten Haus wird bald der Richtbaum stehen.