Große Werte lassen sich auch in kleiner Münze ausgeben; literarische Kostbarkeiten auch in bescheidenem Gewande und vereinzelter Auswahl. In der Gegenwart ist das sogar der sicherste Weg, verlorene oder in Frage gestellte Bildungsgrundlagen der Allgemeinheit wieder zugänglich zu machen. Diesen Weg hat auch der Verlag R. Piper & CQ ., München, mit der Herausgabe der kleinen, sauber aufgemachten Bändchen der "Piper-Bücherei" bestritten, einer zwanglosen Folge von klassischen und modernen Erzählungen, Essays, Fragmenten und Einzeldarstellungen aus verschiedenen Geistesprovinzen.

Zu den interessantesten Nummern der kleinen Bücherei gehört Herman Melvilles Erzählung "Die verzauberten Inseln" (aus dem Englischen übersetzt von Karl Hellwig); eine ebenso spannende und unterhaltsame wie lehrreiche Schilderung der Galapagos-Inseln, jener vulkanischen Inselgruppe, die in früheren Jahrhunderten bei den Seefahrern in dem Ruf stand, ein Tummelplatz, böser Geister zu sein. Außer Verschlagenen, Verschollenen, Gestrandeten und unfreiwilligen Abenteurern hat selten ein menschlicher Fuß sie anders als zu nur flüchtigem Aufenthalt betreten. – Ein anderes Bändchen erneuert die Bekanntschaft mit einer der Meisterschöpfungen des großen Russen Ljesskoff: der entzückendes Legende "Der versiegelte Engel", die so tiefen Einblick gewährt in das religiöse Leben des alten Rußland mit seiner rührenden Gläubigkeit und seinen starken Zügen unverdorbener, cchter Menschlichkeit. – Problematik der Zeit umfängt uns dagegen in den von schwerer Stimmung gesättigten Erzählungen Oda Schaefers ("Die Kastanienknospe", "Die Libelle", "Im Gewitter", "Fremdes Leben"), deren gestaltende Kunst nicht weniger Achtung erzwingt als die Kraft ihrer dichterischen Visionen. – Anregung und Bereicherung mancherlei Art bieten einige Anthologien: "Augenblick und Ewigkeit", eine Auswahl aphoristischer Kernsätze aus Jean Paul von Dr. S. Friedländer (Mynona); Felix Mendelssohns Reisebriefe, herausgegeben von Albrecht Knaus; "Die Nachtigall", zehn Andersen-Märchen; und die köstliche Lithographiensammlung "Götter und Helden" von Daumier, dem in der Einleitung Ernst Penzoldt als Entlarver der "Philistrokratie" einen einzigartigen Platz in der Geschichte der heroischen Karikatur anweist.

In einer anderen Serienerscheinung des Piper-Verlags, der Brevier-Reihe, verdient der Luther-Band "Glauben und Tun" (Herausgeber Karl August Meissinger) Hervorhebung. Im Wechsel von Originaltexten und Kommentaren entwicickelt er ein aufschlußreiches Bild der Persönlichkeit und des Werkes, das geeignet ist, auch auf der gegnerischen Seite Vorurteile zu zerstreuen und historische Bedingtheiten als solche verständlich zu machen. Die gemeinschaftliche christliche Grundlinie der getrennten Konfessionen tritt dadurch deutlicher hervor und vermag wohl zu versöhnlicher Besinnung anzuregen.

Philosophische Betrachtung menschlicher Unzulänglichkeit in gedämpft-satirischer Form (hinter der biederen Humorigkeit verstecken sich aber auch schärfere Waffen) bietet das Spiegelkabinett des Allzumenschlichen "Bestiarium humanum" von Ludwig Maria Beck und Hellmut von Cube (Verlag Karl Alber, München). Amüsant zu lesen und zu sehen – es sind nämlich Verse und Bilder.

Aus dem Merkur-Verlag, Düsseldorf, sei noch eine schön ausgestattete Neuausgabe von Alexander Puschkins "Hauptmannstochter" (übersetzt von Reinhold Weber) empfohlen; jener Novelle aus der Zeit des roten Zaren Pugatschow, die in vielem heute aktuell anmutet, abgesehen davon aber eines der ragenden Denkmäler russischer Erzählungskunst bleibt. A–th