Nun, das Malheur ist geschehen; vielleicht aber läßt sich beim Lastenausgleich wenigstens noch der eine Fehler wiedergutmachen, lassen sich die Konten der Kleinsparer in einem gewissen Umfange all "Notgroschen" wiederherstellen. Daß man den weiteren Fehler nicht machen wird, jetzt, zum Termin des 20. September, die zweiten 5 v. H. freizugeben, also die Festkonten auszuzahlen, ist so gut wie sicher. Strittig ist wohl nur noch, ob die Beträge aus dieser Quote als Kreditmittel für die Wiederaufbaubank oder sonstwie zur Finanzierung von Investitionen herangezogen. werden können, oder ob die Blockierung solange bleibt, bis der Lastenausgleich eine endgültige Lösung schafft.

An sich sollte klar sein, daß die Gesamtsumme an Reichsmark, die am 20. Juni umlief, "Überhang" war, und daß nicht irgendwo, bei 5, 10 oder gar 20 v. H. ein Schnitt zwischen "wirkungsvollem Geld" und "Übergang" gezogen werden konnte. Daß die in DM umgewechselten RM-Beträge zu funktionsfähigem Geld wurden, beruhte ja nur darauf, daß am Stichtage dieser neu geschaffenen Nachfrage ein entsprechendes Angebot aus Vorräten aller Art, einschließlich der unbezahlten Einfuhren, gegenüberstand; was darüber hinaus aber an laufender Produktion zum Markt kam, ist umsatzmäßig über Kreditgeld, absatzmäßig aus laufenden Einkommen finanziert worden. Was also heute auf Festkonto steht, das sind fiktive Werte, ist nicht reales "Geld". Trotzdem wird man die Festkonten, weil nun einmal das Gesetz eine Umstellung 10:1 vorsieht, als Vermögensteile behandeln müssen – mit der Einschränkung freilich, daß zunächst nicht frei über sie verfügt werden kann.

Das doppelte "als ob"

Kennzeichnend für die leichtfertige Art, wie heute argumentiert wird, ist nun die Behauptung! es sei ja Kreditpolitisch gleichgültig, ob die Mittel aus der Festquote von ihren jeweiligen Besitzern (zu Verbrauch oder zur Anlage) verwendet oder ob sie, über eine Bank, als Investitionskredite ausgegeben würden; was nur den Nachteil habe, daß dafür eine zusätzliche Organisation geschaffen werden müsse. Dieser allzu harmlose Einwand übersieht den Unterschied, den es ausmacht, ob man mit eigenem oder geborgtem Geld arbeitet: geschenkt ist nun einmal nicht dasselbe wie geliehen. Währungspolitisch bedeutet die Freistellung der Festkonten zu beliebiger Verwendung eine sehr viel ernsthaftere Gefahr, als ihre Umwandlung in Kredite, die ja doch verzinst und einmal zurückgezahlt werden müssen. Noch geringer wird die Gefahr, wenn diese Kredite nur pari passu mit der Ansammlung "stillgelegter" Markbeträge gegeben werden, wie sie sich auf den Konten für die A-Importe und die Marshall-Plan-Einfuhren ansammeln.

Das bedeutet nämlich, daß ein Kunstgriff, ein Trick, wie man auch sagen kann, angewandt wird, im Sinne eines doppelten "als ob". Wir handeln so, als ob diese stillgelegten Markbestände für uns verfüglich wären – obwohl uns die Besatzungsmächte den Zugriff auf sie verwehren. Nur weil und insoweit auf diesen Konten "eingesperrte" Kaufkraft liegt, können ohne inflatorische Geldausweitung die Kredite formal aus den Festkonten gegeben werden, kann so verfahren werden, als ob die hier gebuchten Beträge wirkliches Geld seien – obwohl sie doch nur fiktiver Natur sind. Am Rande (dies Herrn Butschkau ins Stammbuch!) sei noch bemerkt, daß es töricht erscheint, den Besatzungsmächten das Recht der beliebigen Verfügung über jene Mark-Beträge streitig machen zu wollen, die ja nur deshalb aufgelaufen sind, weil man uns, mangels Transfermöglichkeiten, die (endgültige) Bezahlung – in Devisen oder Tauschware – gestundet hat. Weshalb es ja auch gründlich verfehlt ist, den pro forma in Mark gezahlten Gegenwert für diese Lieferungen, der letztlich aus Kopfgeld und Freigabequote stammt, als einen aus der deutschen Wirtschaft erarbeiteten Kapitalfundus zu bezeichnen.

Schlagwort Deflation

Zunächst wird man sehr darauf achten müssen, daß nicht, unter dem Stichwort "Deflationsbekämpfung", ein Zuviel an Investitionskrediten gegeben wird. Damit kommen wir zu der Frage zurück: Gibt es jetzt, haben wir denn heute Deflation? und: Was versteht man eigentlich unter Deflation? Wenn Worte einen Sinn haben sollen, so heißt Deflation doch Unternachfrage, Preisdruck, wirtschaftliche Schrumpfung, die sich im Wege der "Selbstinduktion" immer weiter verstärkt, Vorhandensein unausgenützter Kapazitäten und unausgewerteter Geschäftsmöglichkeiten, Freisetzung von Arbeitskräften aus der Produktion, also: sinkende Beschäftigungsziffer. Dies alles finden wir in Westdeutschland heute doch nicht! Selbst die Zunahme der Erwerbslosenzahl bedeutet keine Minderbeschäftigung, sondern nur das Offenbarwerden einer strukturellen Beschäftigungslosigkeit. Eine starke Nachfrage nach Maschinenguß, Drahtglas und anderen typischen Investitionsgütern, wie sie im letzten Zwischenbericht der Verwaltung für Wirtschaft besonders hervorgehoben wird, läßt ja wohl kaum den Rückschluß darauf zu, daß die Investitionssphäre unter stärkstem deflatorischen Druck leidet, während die Konsumssphäre gleichzeitig hart an der Grenze einer inflatorischen Übernachfrage steht.