Von Ernst Kreuder

Auf einer kürzlich abgehaltenen Schriftsteller-Tagung waren die Autoren um die Darstellung und Deutung von Problemen bemüht die man bei einer Philosophentagung nicht als unzünftig empfunden hätte. Man diskutierte über den Begriff der Freiheit, der Wahrheit; der Persönlichkeit, nicht zuletzt der Wirklichkeit.

Wer erwartet hatte, Wesentliches über das Schreiben, die Schriftstellerei, über den modernen Roman, das Schauspiel oder die Erzählung der Gegenwart zu hören, mußte enttäuscht werden. So diskutierte man dort im Grunde über Forderungen, welche die erzieherische oder politische Funktion des Schriftstellers betreffen, man leuchtete seine fatale öffentliche Situation an, und man sprach nicht von den Aufgaben, die eine Literatur der Gegenwart und damit der Zukunft dem Schreibenden im Hinblick auf seine Beziehung zur schöpferischen Formbildung stellt. Die ungewohnte Einigkeit, solche wichtigsten Erörterungen zu unterlassen, konnte überraschen.

Niemand wird übersehen, daß sich diese Bedeutungsverlagerung in unserer gegenwärtigen literarischen Produktion widerspiegelt. Noch so beherzte Umfragen in den Feuilletonbeilagen, die literarische Situation meinend, werden dies nicht verdecken. In unseren Zeitschriften findet sich ganz selten eine Auseinandersetzung über die Fragen der Stilentwicklung, über die literarischen Experimente. Wer es wagt, verbriefte Schreibmethoden hinter sich zu lassen und neue Ausdrucksmittel zu erproben, zu erfinden, zieht sich die Ablehnung meist älterer Rezensenten zu. Es gehört schon beinahe bei uns zum guten Tone der Literatur, künstlerisch indifferent zu bleiben, traditionshörig, den Verdacht des Avantgardistischen überhaupt nicht aufkommen zu lassen.

Welche Vorurteile wurden hier zum Verhängnis? Der Mehrheit gegen die Minderheit?

Die Zeitschriften des Auslandes zeigen, welche Schreibhaltung uns von modernen Strömungen der italienischen, der französischen oder der amerikanischen Literatur unterscheidet. Zugegeben man kann den Avantgardismus auch auf die Spitze treiben, literarische Moden und Schulen outrieren. Doch wenn man ihn untertreibt, werden Stil- und Formprobleme nicht mehr erkannt, wird die Entwicklung der Literatur abgedrängt auf unliterarische Gebiete, wird man die Lösung sozialer Notstände von ihr erwarten, die Enthüllungen politischer Unterdrückung, Erklärungen über die Gründe unseres Zusammenbruchs.

Diese "Schule" könnte bei uns führend werden. Wie sie sich nennt, ist unerheblich. (Sie hat gute Gründe, Publizistik mit Literatur zu verwechseln.) Nichts wäre einzuwenden gegen solche Funktionen des Schreibens, aber alles, sobald man sie verabsolutiert. Dann müssen sie an den wesentlichen Bestimmungen der Literatur vorbeitreffen, die nicht Weniger künstlerischer Art wie thematisch sind. Vor einer solchen Entwicklung erscheint es nötig, zu warnen.