Als vor fast vier Monaten Feldmarschall Smuts durch den Führer der bis dahin in Opposition stehenden Nationalisten geschlagen wurde, verglich die "Neue Zürcher Zeitung" die Ereignisse mit der Niederlage Churchills 1945. Der Wechsel der Persönlichkeit allerdings sei noch weit ungünstiger ausgefallen. Und in der Tat: In Südafrika blieb es nicht bei Verstaatlichung, Bürokratisierung und geringen Eingriffen in die persönliche Freiheit des einzelnen. In den letzten hundert Tagen hat die neue Regierung gezeigt, daß es ihr ernst ist. Die während des Krieges verurteilten Saboteure wurden in Freiheit gesetzt, halbmilitärische, faschistische Organisationen wie Ossewa Brandwag, Broederbond und Nuwe Orde wieder zugelassen. Deutsche Nationalsozialisten, die von der Smutsregierung den Ausweisungsbefehl erhalten hatten, durften im Lande bleiben. Blätter englischer Sprache erhielten eine Verwarnung, sie sollten sich "verantwortungsbewußter" zeigen. Das Parlament beriet einen Vorschlag zur "Verbesserung" des "Asiatic Act", der den Indern das Wahlrecht nehmen soll. Das war die erste Runde.

Die zweite Runde ging um die Macht. Der bisherige Generalstabschef, General Poole, wurde über Nacht seines Postens enthoben und mit dem Diplomatenhut als Vertreter Südafrikas im Internationalen Kontrollausschuß nach Berlin abgeschoben. Im Hauptquartier des militärischen Geheimdienstes beschlagnahmten Beamte des neuen Verteidigungsministers Erasmus sämtliche Akten; der Chef des Büros nahm seinen Abschied. Offiziere burischer Abstammung übernehmen nach und nach alle Schlüsselstellungen in Polizei; und Armee. Die von Smuts verbotene "rifleassociation" konstituierte sich neu als "Heimschutz". Die Einwanderung von Engländern ist bereits heute so gut wie völlig unterbunden, der Austausch von militärischen Instrukteuren zwischen London und Pretoria eingestellt. Die Gewerkschaften werden nach kommunistischen und jüdischen Einflüssen durchforscht. Kurz: In Südafrika wird gleichgeschaltet. "Alles geht auf Vordermann", so präzisierte einst Heydrich diesen Vorgang. Südafrikas Vordermann, Dr. Daniel Francois Malan, hat einen sprichwörtlich breiten Rücken. In London aber kann man sich nicht ganz des Gedankens erwehren, daß der Kurs dieses Mannes, der nach dem Krieg alle Mühe hatte, einer gegen ihn erhobenen Anklage wegen Spionage zu entgehen, und der sich außerstande erklärte, zu der im Herbst stattfindenden Konferenz der Dominion-Premiers das Land zu verlassen, kaum den Vorstellungen Cetil Rhodes entspricht. Man befürchtet, daß der seit 38 Jahren ruhende Streit zwischen Briten und Afrikanern, noch einmal in aller Schärfe entbrennen könnte; jener Streit, den Hertzog und Smuts endgültig begraben zu haben hofften. Im "South-Africa-Act" ist der Dominionstatus der Südafrikanischen Union und die Vertretung der 9 Millionen Eingeborenen durch drei Weiße im Parlament gesetzlich festgelegt. Verfassungsgemäß können beide Artikel nur durch einen 2/3-Mehrheitsbeschluß beider Häuser abgeändert werden. Die Nationalisten aber verfügen nur über eine knappe Majorität. Dennoch scheinen sie vorerst auf dem legalen Wege bleiben zu wollen. Schon seit der englischen Königsreise im vergangenen Jahr, bei der Malan in Privataudienz unter vier Augen empfangen wurde, klingt ihr Ruf nach sofortigem Ausscheiden aus dem Commonwealth gedämpfter. Und die "apartheid", die strenge Rassen Scheidung, bedeutet vorläufig nur verstärkte Unterdrückung Das ist alles. Im Budget ist kein Pfennig zur Errichtung der Reservate für die Eingeborenen vorgesehen. Wenn es den Nationalisten aber gelingen sollte, und manches spricht dafür, durch Anschluß des Mandats Südwestafrika und anschließende Neuwahlen die qualifizierte Mehrheit zu erringen, dann könnte es sehr wohl sein, daß die Schrittfür-Schritt-Politik einem radikalen Kurs wiche. Das letzte Ziel der Nationalisten ist die Republik; bestimmt keine probritische, wahrscheinlich eine rein weiße und vielleicht eine autoritäre.

Die Eroberung der Erde durch den Weißen Mann kennt vier Formen: Den Kampf und die Ausrottung in Nordamerika und Australien, die Vermischung in Mittel- und Südamerika, die Niederlage in Asien und die Beherrschung in Afrika. Malan hat sich für die schärfste Variante des afrikanischen Stils entschieden. Er ist schon 74. Aber auch die Mehrzahl der jungen Afrikaner, vor allem die Studenten, sind begeisterte Nationalisten. "Das Kennzeichen dieser Generation ist Intoleranz und eine Neigung zum Faschismus", schrieb der Johannesburger Korrespondent des "Economist". C. J.