Vorwort zu einem nicht vorhandenen Katalog

Von Lovis H. Lorenz

Die ersten Häuser in der Nachbarschaft waren schon niedergebrannt, in den eigenen Schränken und Sesseln staken die Splitter der Fensterscheiben, und wenn auch die Menschen zur Standhaftigkeit angehalten wurden, so lag doch kein Grund vor, das gleiche Ansinnen an die Bücher zu stellen. Bringen wir also die Bücher in Sicherheit! Frau und Kinder, die in einem Dorf an der Oder mit der vielen Natur und dem Bauerntum nicht ganz fertig wurden, vernahmen es mit Freuden – sie bekamen endlich was zu lesen.

Bevor die Bände – etwa viertausend sollten auf die Reise gehen – in den Kisten verstanden, nahm ich noch eine wehmütige Revue ab: vertraute Augenweide würde ich vermissen, de vergoldeten Klassiker, den roten Dickens, den grünen Balzac, den knallig gelben Strindberg, das Kaleidoskop der Inselbücherei, den vornhem-grauen Fontane, die ganze bunte Gesellschaft in Leder, Leinen und Pappe. Ich gedachte auch der längst nicht mehr vorhandenen, die zumeist der Liebe zum Opfer gefallen waren: Jutta wünschte sich einen Amethyst, der einige Bände Stendhal-Beyle in der Diederichs-Ausgabe verschlang, und ein Wochenende mit Käthe kostete die chinesischen Märchen des Insel-Verlages, in Seide gebunden.

War es eigentlich eine Bibliothek oder nur ein Haufen Bücher; will" sagen, Lesestoff, derim Lauf der Jahre hängengeblieben war, oder ein organisches Gehäuse meines Lesestoff, Das ging mir beim Packen nach. Zwischen den mit Bedacht gesammelten Gruppen der Geschichtswerke, der Autobiographien, der Philosophen, der Abbildungswerke tummelte sich das bric à Arac der Geschenke, der Zufallserwerbungen. Dennoch, es war nicht von ungefärhr, daß gerade diese Bücher beisammengeblieben waren. Man könnte über den Besitzer fabulieren und sich ein Bild von ihm machen, falls einer daran Interesse hätte. Ich selbst jedenfalls wüßte über jeden Band etwas zu erzählen, Sachliches und Persönliches. Mit einigen Ausnahmen allerdings, und sie zu begründen ist nicht unnütz.

Unter den Versuchen, das Bürgerliche zu erklären, dürfte ein Wort des Franzosen André Siegfried besonders stichhaltig sein; ein Bürger ist ein Mensch, der Vorräte sammelt. In diesem Sinne ist auch die Sammellust des Bücherfreundes eine bürgerliche Äußerung, denn es handelt sich am geistigen Vorrat. Die Angst, man könne nicht genug haben, entbehrt allerdings nicht der Komik. Während des Krieges kaufte ich eine Gesamtausgabe Wielands von stattlichem Umfang, etliche Bände des Allerweltsweisen Karl Julius Weber und andere Sachen, die zwar pompös wirkten, doch durchaus keinem Bedürfnis entsprachen. Wahrscheinlich dachte ich, es könnte eine Zeit kommen, in der ich auch geistig nichts zu brechen und zu beißen haben würde. Jedenfalls habe ich sie bis heute nicht, wie Goethe es fordert, erworben, um sie zu besitzen.

Die Bücher gelangten in leidlicher Frische an ihren Zufluchtsort und wurden in der Försterei aufgestellt. Sie vermehrten das Ansehen des Hauses, ihr Ruf drang über die Dorfgemarkung hinaus, und in den Kätnerhäusern raunte man über den Hort der Gelehrsamkeit. Nur wenige, überwanden sich, anzufragen, ob sie nicht mal ein Buch geliehen haben könnten, und noch weniger lasen wirklich, was sie entliehen hatten. Die Gärtnersfrau sagte herablassend, auch ihr Mann besäße eine schöne Bibliothek, und bemängelte an der meinigen, daß "Soldatenhumor" und "deutsches Schrifttum" gänzlich fehlten.