Von Erika Müller Ist man ein Kurgast, so wird man geehrt. Und wird man geehrt, so nimmt man sich wichtig. Und nimmt man sich wichtig, so bildet man sich Wunders etwas auf seine Tätigkeit ein. Es ist die hochgeehrte Tätigkeit des Nichtstuns. Denn man ist Kurgast und wird geehrt ...

Morgens sieht man, daß die Wiesen an den Hängen des Taunus mit zarten Herbstzeitlosen übersät sind. Und man begreift: Die Herbstzeitlosen sind im Kurpreis ebenso einbegriffen wie die Erinnerung an das Lied "O Täler weit, o Höhen, du schöner, grüner" Wald". Für die geehrten Kurgäste, die aus der modernen Großstadt kommen, ist links im Blickfeld eine Ruine hingebaut. Sie steht einsam auf grüner Höh’ und hat den Vorzug, sehr alt zu sein, romantisch und geheimnisumwoben. Napoleons Soldaten, sagt man, hätten ... Ohne Zweifel; immer die Soldaten!

Der Kurgast klettert den steilen Felsweg hinauf, zählt fünfundzwanzig Pfennig Entree vor dem Eingang zum zerbröckelten Burgtor und denkt sich mancherlei. Ja, wenn wir erst in unseren Städten soweit wären, daß wir vor unseren Ruinen Entree verlangen könnten! Man sollte an seine Erben denken und sich schon jetzt spekulativ einige preiswerte Trümmerhaufen sichern! Sodann wandelt der Kurgast noch ein Weilchen zwischen dem wild bewachsenen Gemäuer herum und denkt auch hierbei mancherlei. Er denkt an die Menschen, die hier einst fröhlich lebten oder in Fron schmachteten. Und dann steht der Kurgast auf dem Söller, die Aussicht zu genießen, diese hinreißende Aussicht, wohin er bildet.

Man ist ein Kurgast und wird geehrt, man wird gestreichelt von seidener Luft, wird eingelullt von romantisch murmelnden Springbrunnen und Quellen. Auch ist das Kurgast-Dasein garniert von Blumen, die südlich üppig in täglich frisch geharkten Anlagen und Haus-, gärten strahlen. Man wird verwöhnt von höflichen und lächelnden Einwohnern. Sie haben immer eine Hand an ihrem Hut, die andere in der Tasche des Kurgastes: dies ist ihre Lebenstüchtigkeit. Ihr Erbe ist die Tatsache, daß ihre Vorfahren so klug waren, sich in einer gesegneten Gegend niederzulassen. Und nun sollten sie kein Geschäft daraus machen? Und der Kurgast zahlt, genießt und schweigt.

Immer, wenn der Kurgast zählt, denkt er mit Verwunderung an seine für diese Wochen ach so weit liegende Großstadt, in der mit der Währungsreform blitzartig der Dienst am Kunden wieder erschien, während auf dem Lande – Hierzulande ist mehr althergebrachte Politesse. im Umgang mit Kurgästen, aber weniger reale Leistung. Es sind vorerst nur die ersten Anzeichen vorhanden, daß eine Umwandlung stattfindet. Noch gibt es im vornehmen Sanatorium für vornehmen D-Mark-Pensionspreis nur "Muckefuck" zum Frühstück, obwohl man Kaffee in jedem Laden kaufen kann. Noch stellt man in der Pension, in der der Kurgast die Zimmer mit der schönen Aussicht bewohnt, während sich die Flüchtlinge in den Hinterzimmern drängen, zwar dem Gast keine Blumen auf den-Tisch, hat aber dafür auf die Bitte um eine Vase für den selbstgekauften Strauß nur ein höfliches Bedauern; und unter den Apfel- und Zwetschenbäumen auf den Feldern und Obsthöfen verfaulen die Früchte, während man die prächtigen Obststände von den Straßen unserer Großstadt vergeblich sucht.

Doch der Kurgast hat die Hoffnung und einstweilen in reicher Auswahl ideelle Werte – und viele Schoppen Wein, Rheinhessen und süßen "Äppelwoi". Vergessen ist die Arbeit, fern verklungen der Streit der Welt. Der Kurgast fühlt sich animalisch wohl. Er lebt zwischen den grünen Laubkulissen und staunt, wie ein heimlicher Maler sie über Nacht immer um eine Nuance gelber, brauner und rötlicher tupft. Bald werden sie im herbstlichen Bunt flammen. Er läßt sich von der Romantik und Idylle einschläfern und ruht verträumt im wärmenden Sonnenstrahl auf einer Bank in der Nähe des Weges, auf dem Einheimische und Fremde aneinander vorüberziehen wie fremde Schiffe auf: hohem Meer. Wie verschieden es doch aussehen mag auf den Kommandobrücken hinter ihren Stirnen. Hier Erinnerungen, Plüsch und Pleureuse, dort ein versonnenes Lächeln beim Gedanken an das Liebesgeständnis am plätschernden Brunnen. Hier alte, großzügige Bilder von einem Spazierritt auf Java, dort jämmerlich kleine Alltagssorgen um Abendbrottisch oder Viehtränke. Hier hüpfende Freude über eine Tüte Bonbon, dort finstere Überlegungen über Schuld und Sühne eines Wirtschafts gewaltigen, der einige Häuser weiter seiner Aburteilung harrt. Hier bange Gedanken um die persönliche Gesundheit, dort bescheidene Lebensfreude wegen der neuen Vase, die der Kurgast sich für seine Blumen gekauft hat. Und kaum einer denkt daran, daß er – trotz alljährlicher Kuren – in dreißig, vierzig oder fünfzig Jahren doch einmal sterben muß ...

Der Kurgast von der Bank an. Wege, dessen Schlaf in der Stadt nie vor Mitternacht begann, geht mit der einbrechenden Dunkelheit zu Bett und ruht. Warum nur träumt er in der letzten Zeit so viel von Bombennächten und jenen traurigen Bränden in der großen Stadt, die am Tage die Sonne verfinsterten? Rebellieren die Nerven, die sich hier erholen sollen? Taucht so der mühsam abgetane Streit der Welt im Unterbewußtsein wieder auf? Oder ist das nach Jahren der Anstrengung ohne Pausen die Reaktion auf diese genußsüchtige kurörtliche Umwelt, die uns unruhigen Kriegsveteranen zu poliert und zu leer erscheint?