Mit allen erdenklichen Mitteln bemüht sich der Verwalter der Marshall-Hilfe, Hoffman, um das Fernziel, um das europäische Bewußtsein der eigenen Schicksalsgemeinschaft, die nach einheitlichem Wirtschaften ruft. Denn die Marshall-Lieferungen sollen nicht einfach wie ein Altenteil vom müden Europa aufgegessen werden. Sie sollen den gemeinsamen Wiederaufbau unterstützen.

Auch die Anweisung, daß die Empfangsländer sich über die Aufteilung der für 1948/49 bewilligten Marshall-Gelder von 4875 Mill. $ selbst einigen sollten, betrachtet Hoffman als eines seiner Erziehungsmittel. Von den Schwierigkeiten Und Meinungsverschiedenheiten bei dieser Einigung verspricht er sich wohl recht heilsame Wirkungen.

Nun, wenn die Heilwirkung in angemessenem Verhältnis zum Streite besteht, ist Westeuropa in den letzten Wochen sehr viel gesünder geworden. Denn der jetzt vorliegende vorläufige Verteilungsplan für die Marshall-Hilfe hat äußerst heftige Gegensätze aufeinanderprallen lassen. In der ersten Etappe zogen sich je ein Vertreter Englands, Frankreichs, Hollands und Italiens zur streng geheimen Beratung der Einzelforderungen zurück. Kaum wurde in Paris der Verteilungsschlüssel der "vier Männer" bekannt, als aus den Einzelprotesten ein Wirbelsturm entstand.

Ein neuer Ausschuß, dem diesmal ein Franzose, ein Engländer, ein Norweger, ein Belgier und ein Grieche angehörten, entwarf den nächsten Plan. Die Doppelzone kam dabei besonders schlecht weg. Der in Paris für sie sprechende Wirtschaftsberater von General Clav, Oberst Wilkinson, protestierte mit großem Elan gegen eine Lösung, die der Doppelzone zwar ebenso wie im ersten Entwurf eine Marshall-Hilfe von 364 Mill. ?? zubilligte, sie jedoch mit innereuropäischen Ausgleichsleistungen von 91 Mill. $ belasten sollte, während umgekehrt europäische Lieferungen an die Doppelzone von 65 Mill. $ beantragt worden waren. Es hätte sich also eine einschneidende Verminderung der Hilfe für die Doppelzone von 429 auf 273 Mill. $ ergeben.

Man schien sich in einer Sackgasse festgelaufen zu haben. Deshalb entschloß sich Botschafter Harriman, in Brüssel mit dem Präsidenten der europäischen Marshall-Plan-Organisation, Spaak, und in London mit Wirtschaftsminister Cripps einen Ausbruch aus der Sackgasse zu erörtern. Nach dieser Hilfsstellung bei der ins Stocken geratenen Selbstentscheidung Westeuropas konnte am vergangenen Sonnabend in Paris der vorläufige Verteilungsschlüssel genehmigt und eine gleichberechtigte Stellung der Doppelzone bei den Zuweisungen sichergestellt werden.

Der Anteil der Doppelzone an der Direkthilfe aus den USA wurde von 364 auf 414 Mill. $ erhöht, und im europäischen Ausgleich werden von uns Lieferungen von 10,2 Mill. $ zu leisten sein. England und Belgien scheinen dabei die wichtigsten Konzessionen gemacht zu haben. Auch soll Cripps grundsätzlich dem Wiederaufbau Deutschlands zugestimmt haben, nicht zuletzt, weil Frankreich gegenwärtig nicht in der Lage sei, zusätzlich Maschinen für den europäischen Aufbau zu liefern. Das ist ein nicht geringer Erfolg, der hoffentlich auch auf die Besprechungen über den Demontagestop ausstrahlen wird.

Bisher schienen britische und französische Politiker allzu große Bedenken gegen den Wiederaufbau Westdeutschlands zu liegen. Das Blatt der Londoner City, die "Financial Times", ließ kürzlich die Katze aus dem Sack: Sie bestätigte zwar die große Wichtigkeit Westdeutschlands für die westeuropäische Wirtschaftsbewegung, meinte aber, der deutsche Wiederaufbau dürfe doch nicht so stark gefördert werden, daß etwa die Erholung von Frankreich oder Großbritannien überflügelt werde. Aber ist bei dem Umfang der Zerstörungen bei uns und bei einem Produktionsstand von vielleicht 60 v. H. von 1936 wirklich die "Gefahr" gegeben, daß uns die Marshall-Hilfe so kräftige Flügel verleiht? Harriman war davon offensichtlich nicht überzeugt und hat derartige Befürchtungen vorläufig zu entkräften vermocht – sicherlich zum Nutzen Westeuropas!

E. G.