In den vier Jahren seiner Haft und seines Kampfes um die Rehabilitierung hat Dr. Hjalmar Schacht, der ehemalige Reichsbankpräsident und Reichswirtschaftsminister, Aufzeichnungen gemacht, die als wichtige Dokumente zur Zeitgeschichte zu gelten haben. Die bedeutsame Arbeit trägt den Titel

Aus diesem Werk, das demnächst im Rowohlt-Verlag erscheinen wird, veröffentlichen wir, beginnend in der nächsten Nummer der "Zeit", die eindrucksvollsten Kapitel. Hier eine den Aufzeichnungen entnommene Episode:

Auf den 19. Januar 1939, früh 9 Uhr, wurde ich zu Hitler in die Reichskanzlei in Berlin bestellt. Diese Zeit war sehr ungewöhnlich, da Hitler stets sehr lange schlief und selten vor 11 Uhr. zu sprechen war. Morgens Uhr erreichte mich die Nachricht, ich möge nicht um 9 Uhr, sondern um 9.15 Uhr kommen. Angesichts des Umstandes, daß Besucher bei Hitler, auch wenn sie bestellt waren, oft stundenlang warten mußten, war mir dieser neue Anruf schon sehr bezeichnend für Hitlers Stimmung. Ich war mir völlig klar darüber, daß es sich nur um meine Entlassung handeln konnte.

Unmittelbar nach meinem Eintreffen in der Reichskanzlei kam Hitler lebhaft erregt herein und begann: "Ich habe Sie rufen lassen, um Ihnen Ihre Entlassung aus der Reichsbank zu behändigen", worauf er mir die Entlassungsurkunde überreichte. Ich hielt es nicht für nötig, irgendetwas zu äußern, sondern wartete auf seine Begründung. Er war sichtlich verlegen und fuhr nach einer Pause fort: "Sie – passen in das ganze nationalsozialistische Bild nicht hinein". Ich hielt diese Bemerkung für sehr zutreffend und äußerte wiederum nichts. Nach einer weiteren kleinen Verlegenheitspause fuhr Hitler fort: "Sie haben sich geweigert, Ihre Beamten auf ihre politische Gesinnung hin durch die Partei nachprüfen zu lassen". Über dieses Thema hatte ich mich früher des öfteren mit Hitler unterhalten und ihm stets auseinandergesetzt, daß, wenn man mir ein Kommando anvertraue, ich mir die Offiziere dafür selber aussuchen müsse. Deshalb verhielt ich mich weiterhin schweigend, was seine Verlegenheit sichtlich erhöhte. Dann aber kam folgende Bemerkung: "Sie haben sich vor der Beamtenschaft der Reichsbank über die Vorgänge vom 9. November abfällig geäußert". Er meinte damit den bekannten Judenpogrom. Nunmehr erwiderte ich: "Mein Führer, wenn ich gewußt hätte, daß Sie diese Vorgänge billigen, so hätte ich geschwiegen". Diese Erwiderung, verschlug ihm buchstäblich die Sprache, und er äußerte nur: "Im übrigen bin ich jetzt zu erregt, um weiter mit Ihnen sprechen zu könnenWorauf ich: "Ich kann ja wiederkommen, wenn Sie ruhiger geworden sind". Darauf brachte mich Hitler durch drei Räume bis zur Flurtür, wo ich mich mit den Worten verabschiedete: "Mein Führer, ich bleibe derselbe".