Alfred R. Böttcher "Mensch ohne Maske" (Suhrkamp, Berlin);

Hans Jürgen Soehring "Cordelia" (Kurt Desch, München);

Heinz Risse "Irrfahrer" (Deutscher Literatur-Verlag, Hamburg).

Um das novellistische Experiment des Berliner Autors Alfred R. Böttcher hat es Debatten gegeben, und Lob und Tadel sind in der Härte der Grundsätzlichkeit gegeneinander geprallt. Aber der Versuch des Schriftstellers Soehring ist, soweit wir sehen, nur gelobt worden. Und nicht von den Literaturkritikern, sondern aus einem Kreise junger Menschen erhielten wir schließlich einen eindringlichen Hinweis auf den Novellisten Heinz Risse. Hier also wären drei neue Autoren, die schon deshalb bemerkenswert sind, weil sie offensichtlich die Leser stark anrühren. Seitdem nach dem Kriege die aus dem Ausland herübergekommene Story nun auch in Deutschland wieder Freunde gefunden hat (wo es vordem außer Ernst Kreuder nicht gerade viele Autoren gab, die diese prägnante Form der Erzählung beherrschten), sehen wir jetzt, daß die neue Kurzgeschichte mehr und mehr gepflegt wird. Die Intensität der Schilderung, die dabei gewonnen wird (und die der beste Teil der erzählerischen Kurzform ist), kommt dann auch der breiteren Novellenform zugute.

Alfred R. Böttchers Experiment, dessen literarische Bedeutung der Suhrkamp-Verlag nachdrücklich vertritt, besteht darin, daß er fünf Figuren des gegenwärtigen Großstadtlebens ihre Beichte ablegen läßt: keine Beichte im Sinne gnadenvoller Befreiung, sondern rücksichtslose Aussagen in der "Ich"-Form, die vergleichsweise nicht einem Beichtiger, sondern einem Psychoanalytiker vorgetragen sein könnten, einem Seelenarzt, der doch nicht helfen kann. Vivisektionen, reuelos los vorgenommen an der eigenen Seele: so könnte man diese Selbstdarstellungen eines Richters, eines Arztes, eines Schauspielers, eines Kaufmanns, eines Diebes nennen. Da wird die Egozentrik des modernen Menschen ohne Milde durch Seelenporträts demonstriert, die etwas Statisches haben, weil sich in der bösartigen Unzulänglichkeit des Menschen nichts zum Guten, ja überhaupt nichts entwickelt. Hier, just hier liegt die Gefahr dieses Buches "Mensch ohne Maske" –: Weil der Wunsch, vom "Literarischen" wegzukommen, den Autor zu diesem Experiment angestachelt hat, tritt die Tiefenpsychologie an die Stelle der dichterischen Intuition. Jedes einzelne dieser Porträts, für sich gelesen, verblüfft durch die Schlagkraft der unmittelbaren, auf Selbstentblößung zielenden – Aussage. Liest man aber – wozu die deutlich beabsichtigte Spannung verführt – die Sammlung dieser psychologischen Studien in einem Zuge, so bemerkt man, daß es sich nun Abwandlungen ein und desselben Themas, um durch und durch "literarische" Benutzung (ja Abnutzung) eines Schemas handelt, das der Autor durchaus absichtsvoll nicht als ein miterlebender, miterleidender Dichter, sondern als ein Mann von eiskaltem Intellekt erfunden hat. Es ist ein erstaunliches Buch, eines, das man verschlingt, um fortan – die anderen davor zu warnen.

Von Hans Jürgen Soehring, der in Süddeutschland lebt und durch die virtuose Verwendung des dann und wann aufblitzenden Dialektes sich ebenfalls als Berliner ausweist, muß man rühmen, daß er die Form der Kurzgeschichte meisterhaft beherrscht. In seinem bei Desch erschienenen Buch "Cordelia" steht keine einzige langweilige Zeile. Wie auf einer grell beleuchteten Bühne bleiben die handelnden Personen scharf konturiert im Licht. Das Licht aber ist das der Gegenwart. Und da nun erhebt sich die Frage: Warum befremdet dies? Hat man nicht lange genug nach den Dichtern gerufen, die mit Leib und Seele gegenwärtig sind? Gewiß! Und mit Recht! Nun aber, da Soehring auftaucht, der unbedingt in die Kategorie der Gegenwärtigen gehört, vermag ich nicht zu entscheiden, woher das leise Unbehagen bei der unerhört fesselnden Lektüre stammt. Vielleicht ist es dies: Die Themen, um die seine virtuos geschriebenen Geschichten kreisen, sind – so originell sie in ihrer Härte und der ergreifenden Aufdeckung menschlicher Hilflosigkeiten zu anderen Zeiten wären – heutzutage so in aller Furchtbarkeit banal, daß man geradezu wittert, wie auch hier ein außerordentlich begabter und seiner Mittel in höchstem Maße bewußter Novellist nicht nur sein Herz, sondern auch seinen Kopf anstrengt etwa mit der Frage: Wie kann beispielsweise dem schon oft und oft geschilderten Heimkehrerschicksal eine neue Note abgewonnen werden? Wahrscheinlich ist diese bekannte Thematik schuld daran, daß man die sozusagen technischen Probleme der Schilderung und deren meisterhafte Bewältigung allzu stark im Vordergrunde sieht. – Ja, es hilft nichts: Ernst Kreuder hat Recht, wenn er die heutigen Dichter warnt, an der realen Problematik des Alltags - mag sie noch so sensationell erscheinen – haften zu bleiben, und wenn er sie förmlich beschwört, den willkommenen und ersehnten Geist der Moderne in einer neuen Menschlichkeit zu suchen und mit Mut und Zartheit in eine Ebene über die alltäglichen. Wirklichkeiten hinauszustoßen, in jene tiefere Sphäre, von der aus die Realitäten eigentlich erst gesteuert werden.

Von solchem Bemühen ist bei der Novelle "Irrfahrer", die den Inhalt des schmalen, im Literatur-Verlag, Hamburg, erschienenen Buches von Heinz Risse ausmacht, immerhin etwas zu spüren. Die Erzählung um einen Kriegsgefangenen, der bis zu seiner Entlassung und darüber hinaus auf einem Landgut arbeitet, wo er die Tochter des Gutsherrn liebt, die er bei einer Feuersbrunst trotz aller Tapferkeit nicht retten kann, diese Erzählung hat ein wenig zuviel vom Tone Hamsuns. Das macht die Darstellung oft manieriert, und immer bekommt dann die schöne Einfachheit der Sprache den schalen Geschmack bewußter Naivität. Was dennoch die Novelle so anziehend für junge Leute macht, daß sie von ihr reden, ist dies: Es ist dem Autor ein Ton von Innigkeit gelungen. Nur Spötter könnten sagen: "So. etwas zieht immer". Es ist eine ehrliche Innigkeit. Es ist nicht schlecht, daß "so etwas-noch zieht". Vielleicht ist’s ein Anfang. Josef Martin