Von Adolf Nowakowski

Der Kultusminister Niedersachsens, Adolf Grimme, hat einmal in der "Zeit" nachgewiesen (Nr. 33 vom 12. 8. 1948), daß der arme Staat Hamburg heute der reichste Staat Deutschlands ist. Die Hamburger bestreiten dies, Indem sie die Ehrenpflicht des wohlhabenden Mannes nicht ausüben: die Ehrenpflicht, Mäzen zu sein. Allerdings ist Wohlstand ein nur relativ gültiger Stand, besonders seit der Währungsreform . . . Immerhin, daß Hamburg – ob reich, ob arm – nicht genug für seine Künstler tut, vernahm man anläßlich der dritten Ausstellung (seit 1945) von Künstlern der "Hamburger Sezession" in den Sälen bei Bock. Es war eine merkwürdige – eine Art von Begräbnisstimmung, von der man sich hier beeindruckt fand und die sich auch den Mitgliedern und Freunden des Hamburger Kunstvereins mitzuteilen schien. Der Grund? Der "Kunstverein in Hamburg" kann die tausend D-Mark, die monatlich für die Benutzung der Säle aufzubringen sind, nicht mehr bezahlen. Eine Pelzfirma hat die Absicht, diese Ausstellungsräume zu mieten, nachdem eine Hutfirma von dem gleichen Vorhaben zurückgetreten ist. Man wird also demnächst verarmte Menschen in mehr oder minder schweren Pelzen einbergeben sehen weil sie de Geld nicht haben, Bilder zu kaufen.. . Im Ernst: es gibt – außer den Räumen im Untergeschoß der Kunsthalle – heute keine repräsentativen Säle mehr in Hamburg, die für größere Kunstausstellungen in Betracht kommen. Dies in Hamburg, wo gerade in den Ausstellungen der "Hamburger Sezession" schon nach 1931 sich immer wieder rührige Kräfte offenbarten, die das Kunstleben der Stadt vertieften und in der Abkehr von der Schablone das starke Interesse der Öffentlichkeit auf sich zogen!

Es wäre wohl notwendig, daß der Staat sich der Künstler ein wenig annähme. Er tat es einmal – 1931 –, nachdem eine strenge Scheidung die "Als-ob-Künstler" aus der Sezession entfernt hatte. Damals hat Hamburg tatsächlich Mittel zur Verfügung gestellt, die Künstler erhielten öffentliche Aufträge für Wandbilder und Plastiken. Und weithin prangte Hamburg in dem Ruhm einer Stadt, die in der Pflege der Kunst eine hohe und beispielhaft gewordene Aufgabe sah. Die Maler der "Hamburger Sezession" waren zu jener Zeit überaus angesehen, in Berlin nicht minder als in München. Heute befinden sich unter den sechzehn Mitgliedern Künstler des alten Stammes, die zu der Sezession zurückkehrten: Friedrich Ahlers-Hestermann und seine Frau Alexandra Povorina; Zu ihren neuen Mitgliedern gehören Gerhard Marcks, Edwin Scharff, Alfred Manhlau, Herbert Spangenberg und Arnold Fiedler. Die Sezession beabsichtigt, die Zahl ihrer Mitglieder zu erweitern und hat bereits eine Anzahl von jungen Künstlern für die Aufnahme vorgesehen. Auch diese sollen demnächst in einer Ausstellung vor die Öffentlichkeit treten! Aber wo? Die geistige Ausrichtung der Ausstellung zeigt das korrespondierend Gemeinsame, das heute den europäischen Künstler bewegt. In deutlicher Entfernung von dem, was gestern noch als Expressionismus bezeichnet und damit absichtlich oder unabsichtlich abgetan worden war, zeigt sie die bald bildungs-, bald gefühlsmäßig aufgenommenen geistigen Inhalte eines europäischen Gesprächs. Es ist ein offenes Gespräch, an dem man über diese Bildaussagen teilnimmt. Daß es gelegentlich an die internationale Sprache der Pariser Meister erinnert, mag nicht ganz zufällig sein, da deren Formsprache über Europa hinaus gültig geblieben ist. Aber die Bildinhalte und die Bildausagen entstammen Gedanken und Empfindungen, die im Grunde deutsch sind und der gegenwärtigen Zeit entspringen. Immerhin erkennt man oft die lockende Nähe eines Braque wie die eines Césanne. Kronenberg, der stark von Frankreich Inspirierte, zeigt in den harten Winkeln und Konturen, in der flächigen Aufteilung von Farben und Formen eines Stillebens eine besonders starke und eindringlich wirkende Komposition. Spangenbergs eigenwilligeren, sehr subtilen lyrischen, fast musikalischen Darstellungen begegnet man immer wieder mit neuem Interesse. Neben den zarten und einsamen symbolischen Deutungen Arnold Fiedlers ("Am fernen Gestade") sieht man die feinsinnigen Bildträume Rodewalds – um nur im großen Zuge die Ausstellenden zu kennzeichnen (Flinte, Ruwold, Scharff, Hartmann und Marcks sind mit neueren Arbeiten nur spärlich vertreten; sie hatten in diesem Jahr eigene Ausstellungen). – "Unsere Ausstellung soll beweisen, daß trotz aller Schwierigkeiten Kraft und Arbeitsfreude der freien Künstler ungebrochen sind", sagte Otto Rodewald in der Eröffnungsansprache. Die Ausstellung beweist es tatsächlich.