Deutsche Erstaufführung in Konstanz

Zwei Menschen im "ehelichen Schloß", treu verbunden,dennoch einander untreu, weil jeder in einem Geheimnis lebt, das er dem Partner verbirgt: sie ihre Träume, in denen ein frühes Erlebnis sie heimsucht, dem ihre Tochter das Leben verdankt; er seine ungestillt, gebliebene Sehnsucht nach dem ungelebten Leben, nach Weltweite und Unsicherheit. Der diese Verwirrung schuf, führt auch die Klärung herbei: noch einmal kreuzt der Dritte, der in Santa Cruz einst ihrer beider Schicksal wurde, der Vagant, ihren Weg. Aber während die Frau sich ihm diesmal versagt, entzündet sich das Fernweh des Mannes noch einmal an dem Erscheinen des Ruhelosen. Bis im Schatten seines Todes den beiden Zurückbleibenden die morgendliche Erkenntnis erblüht, daß die Liebe größer, die Treue tiefer ist – "sie muß unsre Träume nicht fürchten, wir müssen die Sehnsucht nicht töten, wir müssen nicht lügen."

Mit diesem Ja zum "santa cruz" des jedem aufgegebenen Schicksals endet das Stück. Sein Dichter ist der Schweizer Max Frisch, der erfolgreiche Autor des auch in Deutschland bekanntgewordenen Bühnenwerks "Nun singen sie wieder". Er nennt es eine "Romanze". Aber indem er die in Dämmerlicht getauchte Vergangenheit in die reale Gegenwart zurückholt – das Stück spielt in sieben Tagen und siebzehn Jahren– und vor dem Zuschauer sich entwickeln läßt, schafft er eine Handlung voll dramatischer Spinnung. Die bühnentechnische Lösung ist einfach: das Traumgeschehen wird mit seinen Örtlichkeiten, Schiffsachterdeck und Hafenkneipe, in den Raum der Gegenwartshandlung, die Schloßbibliothek, gestellt; in der Gestalt deswegen seiner "Lügenhaftigkeit" von seinen Kameraden gefesselten Matrosen ist ihm ein Mittler zwischen dem Gestern und dem Heute beigegeben. Unter Heinz Hilperts differenzierender – Regie gelangte das Werk in Anwesenheit des Autors bei seiner deutschen Erstaufführung im Deutschen Theater in Konstanz zu einer geschlossenen, in Wort, Geste und Bild ausgewogenen Wiedergabe.

Alfred Potthof