Am kommenden Sonntag wird die zweite Kammer des schwedischen Reichstages neu gewählt. Die schwedischen Sozialdemokraten, in deren Regierung sich neben dem Ministerpräsidenten Erlander vor allem der stark doktrinäre Finanzminister Wigforss durch eine entschiedene planwirtschaftliche Politik exponiert hat, haben dabei 115 von insgesamt 230 Sitzen zu verteidigen. Es gilt als zweifelhaft, ob ihnen dies gelingen wird. Gewinnchancen schreibt man insbesondere der von dem bekannten schwedischen Nationalökonomen Professor Bertil Ohlin geführten schwedischen Volkspartei und der Bauernpartei zu. Zusammen mit der Høire (Rechte) eroberten diese beiden bürgerlichen Parteien bei den letzten Wahlen im September 1944 insgesamt 100 Sitze. Die restlichen 15 Sitze verteilten sich auf die Kommunisten, die damals auf Grund der Kriegsereignisse eine günstige Konjunktur hatten. Den Kommunisten wird es diesmal kaum helfen, daß sie von allen schwedischen Parteien am lautesten in die Wahlfanfare gestoßen haben. Zwar hat ihre Zeitung "Ny Dag" versprochen, daß auch nach den Wahlen "ein Platz an der Sonne bewahrt bleiben wird" – aber der Schwede ist darüber einer anderen Meinung. Für den Wahlarithmetiker geht es also lediglich um die Frage, ob und inwieweit sich die Zahl der bürgerlichen Mandate erhöhen und die der Sozialdemokraten vermindern wird und mit welcher Regierungskoalition man danach rechnen kann: Sozialdemokraten–Volkspartei oder Sozialdemokraten–Bauernpartei. Die letztere Lösung wird als die wahrscheinlichere angesehen. Aber diese politisch-rechnerische Seite ist nicht einmal das Entscheidende bei den schwedischen Septemberwahlen. Ihrem Charakter nach sind sie diesmal mehr, nämlich eine Art Volksbekenntnis für oder gegen die Planwirtschaft.

Ein vielgenanntes Wort, das dem Touristen in Schweden begegnet, heißt "krangel". Sinngemäß bedeutet es soviel wie "Kleinigkeitskrämerei". Damit ist die schwerfällige Verwaltungspraxis des Restriktionssystems gemeint. Schweden hat heute viele Restriktionen, die unangenehm spürbar sind. Nicht von Lebensmitteln allein. Es gibt. Importbeschränkungen für Dollarwaren, es gibt Benzinrestriktionen, die Produktion und Transportwesen in Mitleidenschaft ziehen, und es gibt Einschränkungen für die Bauwirtschaft, die die innerwirtschaftliche Initiative lahmlegen. Die Gewöhnung daran ist dem Schweden um so schwerer gefallen, als er noch 1945 fest an eine Prosperität seines Landes auf viele Jahre hinaus geglaubt hatte.

Die Anhänger der Regierung halten den Kritikern des Restriktionssystems entgegen; gewiß, jede Einschränkung sei unangenehm, aber man dürfe nun nicht einfach in seiner Verärgerung darüber vergessen, daß sich der Lebensstandard der schwedischen Bevölkerung dank verschiedener Maßnahmen der Regierung gehoben hätte – und zwar nicht unwesentlich. Es hätte Lohnerhöhungen gegeben, die Volkspensionen (wie Altersrenten) seien ebenfalls heraufgesetzt worden, die Steuern hätten sich ermäßigt, die neuerlich eingeführten Zuschüsse für alle schwedischen Kinder vom Tage der Geburt bis zum vollendeten 16. Lebensjahr bedeuteten eine – gesetzliche Unterstützung der Familien, und der niedrig gehaltene Zinsfuß böte ebenfalls seine Vorteile.

Richtig ist, daß niemand der sozialdemokratischen Regierung den Vorwurf machen kann, sie sei nicht großzügig verfahren. Die Löhne; wurden, nach der Vorausberechnung eines besonderen Komitees für das Jahr 1948, um 1,3 Milliarden Kronen gesteigert Steuersenkung, Volkspensionen und die Zuschüsse für Kinder machen zusammen ein Mehr von 1 Milliarde für 1948 aus. Hinzukommen auch noch voraussichtlich 200 Millionen an Mehreinnahmen für die schwedische Landwirtschaft. Aber alledem gegenüber hat sich die Warenmenge 1948 um rund 1,4 Milliarden Kronen verringert, so daß ein Kaufkraftüberschuß von 1 Milliarde entstanden ist, womit das Gespenst der Inflation mehr als nur an die Wand gemalt ist.

Das Hauptproblem jedoch ist die Wirtschaftliche Entwicklung seit 1946; seit dem Zeitpunkt also, zu dem Erlander die Nachfolge des verstorbenen Per Albin Hansson als Ministerpräsident und als Führer der Sozialdemokraten antrat. Es wird der jetzigen schwedischen Regierung vorgeworfen, daß sie die wirtschaftlichen Möglichkeiten ihres Landes sowie auch die Entwicklung des allgemeinen Zustandes der Weltwirtschaft falsch eingeschätzt hat. Wenn man bedenkt, daß Schweden zu Ende des Krieges mit der sehr stattlichen Valutareserve von 2,8 Milliarden Kronen dastand und davon heute nicht mehr als noch knapp 300 Millionen Kronen übrigbehalten hat, erscheint der Traum von der übrigbehalten Oase in der europäischen Wüste gründlich zerstört.

Als die Wurzel allen Übels bezeichnet man vielfach den Milliardenkredit Schwedens an die Sowjetunion. Vorläufig ist zwar der Kredit, den Schweden der UdSSR für einen Zeitraum von höchstens sechs Jahren und mit einer Rückzahlungspflicht nach fünfzehn Jahren gewährte, nur mit 280 Millionen beansprucht worden, jedoch müssen die Maschinen- und Rohmaterialeinkäufe der schwedischen Industrieunternehmungen, die getätigt wurden, um die russischen Aufträge wirksam machen zu können, als ein weiterer Grund für den Schwund der Valutareserve angesehen werden. Außerdem gibt es ja auch noch den schwedisch-russischen Handelsvertrag, in dem vorgesehen ist, daß die Sowjetunion für alle Leistungen, die nicht durch schwedische Warenlieferungen kompensiert sind, Zahlung in Dollar beanspruchen kann. Durch die forcierte Ausnutzung der Ostzone haben es die Sowjets inzwischen zu einem schönen runden Guthaben in Schweden gebracht, das nunmehr von den Schweden aus den ohnehin nicht mehr reichlichen Dollarreserven gezahlt werden muß. Man fühlt sich, mit anderen Worten, vom Osten übervorteilt, und die schwedische Regierung muß die offene liche Verärgerung darüber wohl oder übel ebenfalls zu ihren politischen Lasten buchen.

Der offene Markt in New York handelt gegenwärtig schwedische Banknoten zum halben Kurs. Amerikanische Touristen in Schweden wechseln ihre Dollars lieber privat als in den Banken. Privat zahlt man ihnen den vorteilhafteren Preis. Auch diese kleinen Tatsachen unterstreichen die vorläufige Endbilanz einer Politik, deren Anerkennung oder Nichtanerkennung jetzt vom schwedischen Wähler entschieden wird. Gustav Meißner