Von Christoph Dönhoff

Eine vielbeachtete Ausstellung "Wald und Holz" in Hamburg rührt nicht nur wirtschaftliche, sondern auch ästhetische, ja, wenn man will: auch kulturpolitische Fragen an. Hier ein Urteil, das ein Experte über die Fichten fällt.

Der "Tannebaum" unserer Kindheitstage ist ja eigentlich eine Fichte. Und wenn ihm auch zu einer gewissen Winterszeit unser Herz gehört, so scheint er doch, etwas genauer betrachtet, keineswegs über alles Lob erhaben. – Warum müssen die meisten unserer Wälder vor lauter Fichten so düster sein? so fragt der Laie, der gern im Wald spazierengeht. Nur oben grün, unten aber grau und saftlos, mit dürren Ästen auf kahlem Nadelboden, ohne einen grünen Hahn? – Weil wir Holz brauchen! so pflegt der Fachmann zu antworten. Weil sich mit keinem: anderen Baum so schnell soviel Holz pro Hektar produzieren läßt! Und vor soviel apodiktischer Weisheit kommerzieller Gedankengänge pflegt dann der Laie die Waffen zu strecken; er unterdrückt sein Waldästhetentum.

Gott sei Dank aber gibt es auch im Waldbau mehr als einen Experten und mehr als eine Fachansicht. Sehen wir die Fichte an! Sie bietet über der Erde zwar ein. imposantes Bild. Auch ist es richtig, daß sie an Länge und Umfang schneller zunimmt als andere Bäume im Walde. Aber unter der Erde, dort, wohin man so schnell nicht sieht, da vernachlässigt die Fichte ihre Pflichten. "Oben hui und unten pfui." Sie ist ein gewaltiger Säufer, der jeden Tropfen Regenwasser schon in den obersten Bodenschichten aufsaugt und nichts zum Grundwasser durchdringen läßt. So kommt es, daß in regenarmen Jahren dieFichten, ob schlank, ob dick, gleich zu Tausenden am Durst sterben und das Holzkalkül des Fachmannes zunichte machen. Darüber hinaus ist die Fichte ,,faul" bei ihrer Wurzelarbeit. Sie hat einen breiten, flachen Wurzelteller dicht unter der Oberfläche gebildet und trägt nichts dazu bei, den tiefen Unterboden und seine Nährwerte zu erschließen. Im Gegenteil, sie saugt den Oberboden nachhaltig aus und führt ihm kaum neue Nährstoffe wieder zu; denn die abgestorbenen Nadeln, die den Waldbaden decken, lassen kein Unterholz aufkommen, zersetzen sich erst nach Jahren und bilden dann einen sauren, nährstoffarmen Humus. So verbraucht die Fichte schnell die Vorräte des Bodens, in dem sie wurzelt, und der vielgepriesene schnelle und große Holzertrag geht dort, wo immer nur Fichten gepflanzt werden, – ebenso schnell zurück. Im Lande Sachsen zum Beispiel, wo vor hundert Jahren in reinen Fichtenbeständen noch ein Zuwachs von 6,1 fm je ha gemessen wurde, beträgt er heute nur noch 2,5 fm. Dazu ist der Boden so heruntergekommen, daß andere Bäume nicht mehr auf ihm wachsen wollen und das Überleiten in einen andersartigen, besser zusammengesetzten Waldbestand sehr schwierig geworden ist.

So ist auch im Waldbau der direkte Weg nicht immer der schnellste. Man kann Holzproduktion nicht nach kaufmännischen oder industriellen Maßstäben kalkulieren. Mit anderen Worten: Am Organismus Wald kann man nicht arithmetisch die eine Leistung beliebig auf Kosten der anderen steigern. Willi man ein Maximum an Holzleistung vom Walde, dann muß man ihn gesund, erhalten, und die Mehrzahl der Forstleute hat aus den Fehlschlägen der letzten Jahrzehnte gelernt, daß eine Reinkultur von Fichten auf die Dauer nicht gesund ist. Darum wird man versuchen müssen, die zehnmal zu großen Kahlschlagflächen der letzten Jahre nicht mit Fichten allein, sondern mit Mischwald aufzuforsten, sofern sich das Pflanzmaterial dafür heranziehen läßt.

Wir anderen, die wir den Wald nicht nur als Holzfabrik, sondern als Ziel unserer Spaziergänge lieben, können also die Hoffnung haben, daß er mit der Zeit wieder bunt und laubig wird, in zahllosen zarten Schattierungen von gelb und grün im Frühjahr, um im Herbst voll satter, goldener Buntheit. Dabei wollen wir den alten grünen "Tannebaum" dann wiederum nicht missen. Wo er im Mischwald auftritt – nichts gegen ihn! Aber unsere Abneigung gegen die Vermassung möge sich auch auf die Fichten erstrecken; darin brauchen wir uns von keinem Fachmann anders belehren zu lassen!