Unübersehbar sind heute nochdie Verluste ankulturellen Werten, die der zweite Weltkrieg verursacht hat. Ja, man kann sagen, daß außer der Staatlichen Bibliothek in Bamberg und der Bibliothek des Deutschen Museums in München kaum eine größere deutsche Bibliothek den Krieg gänzlich unversehrt überstanden hat. Es wird aber nicht nur nötig sein, die Verluste der großen Archive und der Bibliotheken gelehrter Gesellschaften zu verzeichnen (wie Georg Leyh dies getan hat), sondern es wird notwendig sein, auch die Einbußen zu buchen, die private Sammler erfahren haben, Verluste, die für die literarische Forschung vielfach unersetzlich, sind. Hier ein Beispiel: Während der literarische Nachlaß Gerhart Hauptmanns gerettet werden konnte, sind viele Archive und Sammlungen verschollen, die seine Freunde im jahrzehntelangen Umgang mit dem Dichter angelegt hatten. Dr. h. c. Felix A. Voigt, den man mit seinen rund 60 wissenschaftlichen Publikationen als Begründer der eigentlichen deutschen wissenschaftlichen Gerhart-Hauptmann-Forschung bezeichnet, verlor in Breslau seine große Gerhart-Hauptmann-Sammlung, die aus 1600 Nummern bestand. Auch sein Manuskript der groß angelegten Biographie über den Dichter, dem er in jahrzehntelanger Freundschaft verbunden war, ist verschollen, Im neuen "Gerhart-Hauptmann-Jahrbuch 1948" (Verlag Deutsche Volksbücherei, Goslar) widmet der bekannte amerikanische Literaturwissenschaftler Walter A. Reichart, Ph. D., Professor of German-University of Michigan, dem Freunde Hauptmanns Max Pinkus schöne Blätter des Gedenkens. Dieser schlesische Industrielle und Menschenfreund hatte eine "Schlesien-Bücherei" zusammengetragen, die ungefähr 17 000 Bände aufwies und "alles, was je über das kulturelle Leben Schlesiens geschrieben oder gedruckt worden war – Handschriften, Urkunden, Dokumente sowie das gesamte literarische Werk der Provinz einschließlich der Werke Gerhart Hauptmanns in Erstdrucken" enthielt. Die Jakob-Böhme-Sammlungenthielt sogar einige Unika des großen Mystikers. Am Ende der Kriegsjahre wurde diese Sammlung aus Breslau verlagert. Nach Mitteilung des stellvertretenden Bibliotheksdirektors Dr. Gruhn, der noch nach Besetzung Breslaus dort verblieben war, ist sie an dem Orte der Verlagerung nicht mehr aufgefunden worden. Ob sie vernichtet oder verschleppt wurde – niemand hat es bisher erfahren können.

Arno Holz’ Werk, des "Vaters des Naturalismus in Deutschland", soll durch Neuausgaben wieder zugänglich gemacht werden. Doch das Arno-Holz-Archiv, das in Berlin von Max Wagner war begründet worden und das während des letzten Krieges, in dreißig großen Kisten verpackt. nach Schlesien verlagert wurde, ist heute verschollen, Es enthielt sämtliche Auflagen und Ausgaben des Dichters, fünfhundert literargeschichtliche Werke, Essay-Bände, Dissertationen, alle Vertonungen derHolzlieder und Übersetzungen in fremden Sprachen und eine vollständige Kopie des Traumulus-Films. Das von seiner Frau behütete "Arno-Holz-Gedenkzimmer mit der Bibliothek und dem gesamten Briefwechsel, wurde ein Raub der Flammen. Die Witwe des Dichters schreibt mir: "Ich habenur hier wieder (in Baden-Baden) so eine Art ‚Gedenk-Archiv‘aufgebaut, so ganz im kleinen... Aber wir müssen alles hinnehmen –wie es kommt. Arno Holz schreibt in der ‚Blechschmiede‘ in dem ‚Odysseus-Gedicht‘ diese Zeilen die auch für uns heute passen: "Schon wurden es Jahre – bald sind es viele – / Und immer fern noch dem fernen Ziele."

Auch die Witwe des Philosophen Max Schelers klagt, durch Verlagerung und Diebstahl schwere Verluste in der Bibliothek und dem Archiv erlitten zu haben. So gingen mit der ersten Bombe, die auf München fiel, sieben Jahre Vorarbeit für die Nachlaßausgaben in Schutt und Asche unter.

Kasimir Edschmid berichtete mir interessante Einzelheiten über das Schicksal von Büchner-Kostbarkeiten. Das einzig existierende Exemplar der ersten Ausgabe des "Hessischen Landboten", vonMäusen angefressen, ist im Goethe-Schiller-Archivin Weimar. Das einzige Exemplar derzweiten Ausgabe wurde bei der Zerstörung Darmstadt 1944 vernichtet. Glücklicherweise hat der Buchhändler Säng in Darmstadt eine Fotokopie von dieser Ausgabe gemacht, die erhalten blieb. Auch von "Dantons Tod" (mit zahlreichen aufschlußreichen Anmerkungen Büchners) ist das Exemplar bei Säng erhalten. Erstaunlich ist, daß die große, wertvolle Bibliothek des weltbekannten Romanisten Geheimrat Prof. K. Voßler erhalten blieb, obwohl das Maximilianeum in München zu drei Vierteln zerstört wurde. Lächelnd erzählte er: "Trotz aller Aufforderungen und Ratschläge ließ ich meine wertvolle Bibliothek in diesen Räumen stehen. Auch ich (blieb darin. Ich sagte immer, wenn ich sterben sollte, damr nur zwischen meinen Büchern. Und ich verlor nur ein Buch. Das hatte ich einem Bibliothekar geliehen, und ihm ging es in den Kriegswirrnissen verloren." – Wie sagt Terentianus Maurus?: "Habent sua fala libelli." – Büchlein haben ihre Schicksale!