Tiefgreifende Veränderungen gehen durch alle Bezirke eines wirtschaftlichen, politischen und auch religiösen Lebens – wer heute führt, muß in gutem Sinne wirklichkeitsnah sein." Dieser Satz aus der Rede, die Papst Pius XII. über den Vatikansender und den deutschen Rundfunk in deutscher Sprache an die 180 000 Teilnehmer am Katholikentag in Mainz hielt, ist bezeichnend und richtunggebend für den religiösen und politischen Kurs, den die katholische Kirche in dieser Zeit mit aller Kraft einschlägt. In Mainz fand innerhalb einer kurzen Zeitspanne nach dem Kölner Domfest die zweite Demonstration des katholischen Deutschlands statt: an beiden Festen hat der Vatikan entschiedenen Anteil genommen. Nach Köln schickte er einen Sondergesandten, zu den in Mainz Versammelten sprach Pius XII. persönlich.

Diese Rede des Papstes an die deutschen Katholiken gewinnt, sieht man sie unter religiösem und politischem Aspekt zugleich, hervorragende Bedeutung. Allein aus der Tatsache, daß sie gehalten worden ist, geht zweierlei hervor: zunächst unterstreicht sie die Entschlossenheit der katholischen Kirche, in die europäische Entwicklung aktiv einzugreifen und zur Gesundung des erschütterten Kontinents beizutragen. Zweitens zeigt die Papstrede, welche entscheidende Bedeutung die katholische Weltkirche unserem Vaterlande beim europäischen Wiederaufbau beimißt, ja, daß sie sogar das deutsche Volk für das wichtigste Bollwerk gegen den Bolschewismus hält. Dieses Bollwerk auch geistig gegen die kommunistische Gefahr immun zu machen, und zwar mit Hilfe intensiver katholischer Lebenshaltung, ist das größte Ziel der katholischen Kirche in Deutschland.

Im Hinblick auf dieses Ziel fiel das Wort "wirklichkeitsnah" richtunggebend für den Weg, den man zu gehen hat. Die katholische Führung, die noch bis vor kurzem die Mittel der modernen Massenbeeinflussung, wie den Rundfunk und Film entweder abgelehnt hatte oder nur lose Beziehungen zu ihnen fand, interessiert sich nun brennend für diese Einrichtungen. In Mainz wurden Film-, Theater-, Presse- und Funkausschüsse gebildet; man will eine eigene katholische Presse, einen spezifisch katholischen Sender, katholische Filme schaffen. (Gewiß gab es dies alles auch früher schon – aber jetzt geht man mit einer ganz anderen Intensität, die getragen wird von der großen Bedeutung dieser Einrichtungen, an die Arbeit.)

Die katholische Kirche beginnt sich zu "verweltlichen". Das Bibelwort "Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist" wird so gedeutet, daß man sagt: Wenn Gott alles zukommen soll, was ihm zuzukommen hat, bleibt eigentlich nur noch recht wenig für den Kaiser übrig. – Indessen ist diese Intensivierung des Anspruches der katholischen Weltkirche in der heutigen, so gefährlichen europäischen Situation nur zu begrüßen. Sie kann vielleicht zum einzigen geistigen Gegenmittel gegen die Gefahr aus dem Osten werden. Freilich: So sehr wir die Sorge des Papstes um unseren Alltag anerkennen, so wenig möchten wir, daß jeder Kaplan im Weltlichen "unfehlbar" und zum Papst wird. Denn sobald die Kirche beginnt, sich zu verweltlichen, braucht sie Geistliche, die von der Welt etwas verstehen. Sonst besteht die Gefahr der Engherzigkeit und Prüderie, des Despotismus eines Dorfpfarrers und der geistlichen Topfguckerei. Und was die katholische Sorge für die Jugend angeht, so ist auch sie, in vernünftigen Grenzen und von besonnenen Geistlichen durchgeführt, nur positiv zu werten. Schlägt sie aber über in das Extrem eines totalen Anspruches, so müßte man darauf hinweisen, daß die Devise "Jugend vom Pfarrer geführt", ebenso problematisch ist wie der im Dritten Reich obligatorische Satz "Jugend von Jugend geführt". Die Gefahren des neuen Kurses der Kirche sind also da. Wenn Fehler vermieden werden können, die nahe liegen, wird die Intensivierung der katholischen Lebenshaltung in Deutschland eine große Sache sein. P. H.