In Moskau begannen erneut die Verhandlungen zwischen den Sonderbotschaftern der Westmächte und Außenminister Molotow, nachdem die Militärgouverneure in ihren Besprechungen in Berlin zu keiner Einigung gelangen konnten.

Vor dem Reichstag, im britischen Sektor von Berlin, fand eine Kundgebung von über 250 000 Berlinern als Protest gegen die Unterdrückungsmaßnahmen der Sowjets statt. Am Schluß der Kundgebung zog ein Teil der Demonstranten in den sowjetischen Sektor. Am Brandenburger Tor kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei Markgrafs, bei denen es Tote und Verletzte gab. Die sowjetische Fahne wurde heruntergeholt. Auch die Kommunisten veranstalteten eine Kundgebung im Berliner Lustgarten, an der zirka 100 000 Mann aus Berlin und allen Teilen der Ostzone teilnahmen.

Aus der Entwicklung in Berlin zog die "Times" in einem Leitartikel die Schlußfolgerung, daß die Westmächte ihre Ziele und ihre Politik in Europa von neuem überprüfen müßten. Angesichts der sowjetischen Wünsche, den kommunistischen Einfluß auf Westdeutschland auszudehnen, erinnert das Blatt an die beginnende wirtschaftliche Erholung im Westen und stellte fest! "Diese Erholung ist für Westeuropa so unentbehrlich, daß es offenbar eine Torheit wäre, sie selbst um den Preis einer kostbaren Position in Berlin aufs Spiel zu setzen.

Im Heimkehrerlager Fürstenwalde bei Berlin werden nach einem Bericht im "Telegraf" Vorbereitungen für die Aufnahme von 5000 Angehörigen der ehemaligen Seydlitzarmee getroffen, die aus Rußland eintreffen sollen. Sämtliche 5000 in den bolschewistischen Schulungslagern ausgebildeten Mitglieder des Nationalkommitees "Freies Deutschland" sollen in die Zonenpolizei übernommen werden.

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Trotz der britischen und französischen Einwände bestand der Marshall-Plan-Administrator Hoffman darauf, daß das Demontageprogramm für die deutsche Industrie zum Nutzen des Marshall-Plans herabgesetzt werden könnte. Zu den britischen und französischen Einwänden sagte Hoffman, Großbritannien. habe betont, daß die augenblickliche außerordentlich ernste Lage in Deutschland den Transport gewisser Fabriken aus Deutschland nach Frankreich oder Großbritannien von einem strategischen Gesichtspunkt aus wünschenswert erscheinen lasse.

Die Militärregierung von Württemberg-Baden hat für neun von elf Firmen, einen vorläufigen Demontagestop erlassen. Die Demontage solle solange ausgesetzt werden bis eine Entscheidung aus Washington eingetroffen sei.

Auf dem Parteikongreß der SPD in Düsseldorf wurde ein Vortrag des ersten Vorsitzenden der Partei, Dr. Schumacher, verlesen, in dem scharfe Angriffe gegen die Frankfurter Wirtschaftspolitik und die CDU als ihren Träger enthalten waren. Zu den Beratungen des Parlamentarischen Rates führte Dr. Schumacher aus, ein Besatzungsstatut hätte vor der von den Deutschen erarbeiteten Satzung entstehen müssen.

Die französische Generaldirektion für Ernährung teilte den Landwirtschaftsministern der drei Länder in der französischen Besatzungszone mit, daß ab 1. Oktober jegliche Lebensmittelentnahmen aus der Zone – für die Besatzungstruppen eingestellt werden.

Die britische Marine und die RAF begannen zum erstenmal nach dem Kriege mit der Anwerbung von Freiwilligen. Luftfahrtminister Henderson, der das Rekrutierungsprogramm bekannt gab, sagte dazu, der Aufruf erfolge aus der Entschlossenheit der Regierung, heraus, daß die RAF bereit sein müsse, das Leben der britischen Bürger zu schützen und zur Aufrechterhaltung des Weltfriedens beizutragen.

Angesichts der ernsten Lage in Berlin denke man, einem Reuterbericht zufolge, in diplomatischen Kreisen Washingtons an eine beschleunigte Fertigstellung der Pläne für die amerikanische Militärhilfe an die Westunion. Bisher war der Dezember als Termin vorgesehen. Eine tatsächliche amerikanische Hilfeleistung wäre aber frühestens im März 1949 möglich gewesen.

In Paris bildete der Radikalsozialist Queuille eine neue Koalitionsregierung, nachdem das Kabinett Schuman nach drei Tagen Regierungszeit ein Mißtrauensvotum erhielt.

Zur Eröffnung seiner Propagandareise traf General de Gaulle bei einer Ansprache offen für Neuwahlen ein.

Der Marshall-Plan-Administrator Hoffman erklärte auf einer Pressekonferenz, die Marshall-Hilfe würde für alle Länder gesperrt werden, die unter eine kommunistische oder faschistische Regierung kommen. Auf die Frage eines Korrespondenten, ob man General de Gaulle als einen Faschisten ansähe, antwortete Hoffman, er betrachte de Gaulle zweifellos nicht als Faschisten.

Berichte, die in Londoner Journalistenkreisen umliefen, besagten, daß die Entlassung Gomulkas von seinem Posten als Generalsekretär der kommunistischen Partei Polens direkt mit den russischen Absichten in Ostdeutschland zusammenhinge. Bei dem ständigen Absinken des Prestiges der SED scheint es den Russen darauf anzukommen, zumindest die Möglichkeit einer teilweisen Rückgabe der verlorenen deutschen Gebiete offenzuhalten, um auf diese Weise der Popularität der SED wieder etwas auf die Beine zu helfen.

In einer Erklärung des tschechischen Nachrichtenbüros wurde bekanntgegeben, daß am Tage des Begräbnisses von Expräsident Benesch ein Putsch vorbereitet worden sei, an dem Staatspräsident Gottwald und mehrere kommunistische Kabinettsmitglieder ermordet werden sollten. Gleich darauf billigte die tschechoslowakische Regierung einen Entwurf des "Gesetzes zum Schutz der Volksrepublik". Die Verbreitung von Gerüchten, die zu einer Panik unter der Bevölkerung führen könnten, werden nach dem neuen Gesetz mit dem Tode bestraft.

Obwohl die stärksten Einheiten der Aufständischen zerschlagen worden seien, werde der Kampf in Griechenland noch Jahre dauern, erklärte der frühere Leiter der amerikanischen Hilfsmission in Griechenland, Griswold.

Marschall Tito nannte Generalissimus Stalin in einem Artikel zum jugoslawischen Marinetag "den großen Kämpfer der Menschheit" und betonte die einheitliche Gesinnung, die sich in dem Freiheitskampf auf der Donau zwischen der jugoslawischen und der sowjetischen Marine gezeigt hätte. Über 13 000 russische Deserteure sollen nach zuverlässigen Informationen der "New York Herold Tribune" während des letzten Jahres aus der Ostzone allein in die amerikanische Zone geflüchtet seien. Von den Deserteuren seien 4000 Offiziere, unter ihnen zwei Generale sowie ein Generalleutnant aus dem Stabe Sokolowskis.

Über 500 000 japanische Gefangene befinden sich nach einer Mitteilung des Hauptquartiers General Mac Arthurs noch in sowjetischer Hand. Das Repatriierungsabkommen, das eine monatliche Rückführung von 50 000 Gefangenen vorsah, sei von der sowjetischen Regierung seit 15 Monaten nicht erfüllt worden.

A. B.