Es ist kein Zufall, daß Hitlers Wahlkämpfe sich in der Hauptsache gegen den Kommunismus richteten. Das geschah nicht, weil dieser die aussichtsreicheren Ziele oder Methoden vertrat, sondern weil er der einzige Gegner war, der gleich ihm selber den entschlossenen Willen zur Macht hatte. Es war der einzige ernsthafte Konkurrent. Alle anderen Parteien waren in Resignation verfallen Sie wußten nicht weiter und konnten darum auch nicht weiter wollen. Deren Anhänger zu gewinnen, war für Hitler ein leichtes, sie wurden. die Mitläufer. Aber wer. vom Kommunismus zu Hitler stieß – und es waren ihrer nicht wenige –, der fand Beachtung, der versprach, worauf es Hitler allein ankam, Fanatismus, Kampfwillen, Draufgängertum. Nicht darauf kam es an, was man vertrat, sondern, daß man es vertrat. Alles andere, würde sich zeigen, wenn man erst an der Macht war.

Als ihm dann die Macht zufiel, waren es im Grunde nur zwei unmittelbare Ziele, mit denen er einen politischen Erfolg zu erringen hoffte: die Arbeitsbeschaffung und die außenpolitische Gleichberechtigung. Es waren die beiden Probleme, vor denen seit 1918 jede deutsche Regierung gestand den hatte, die jede Regierung vor Hitler, ob sozialistisch oder bürgerlich-demokratisch, zu lösen versucht hatte und an denen sie alle gescheitert waren. Daß Hitler beide Probleme löste, gab ihm die Autorität, die er danach so schrecklich mißbrauchte.

Das Arbeitsbeschaffungsprogramm konnte nur in der Erteilung großer staatlicher Aufträge bestehen. Galt es doch, nicht weniger als 6,5 Millionen Menschen, also rund ein Drittel der Erwerbsfähigen, wieder in Arbeit zu bringen. Es ist nicht richtig, daß hierbei die Aufrüstung zeitlich an erster Stelle stand, wenn sie auch sehr bald in den Vordergrund trat und für die Folgezeit das wichtigste Arbeitsgebiet wurde. Man konnte nicht gleich an die Aufrüstung herangehen, weil Hitler zunächst richtigerweise den Versuch machte, die internationale Gleichberechtigung Deutschlands durch die Abrüstung der anderen zu erreichen. Es gibt kaum einen besseren Beweis als diesen, daß Hitler anfänglich in keiner Weise an eine kriegerische Politik gedacht haben kann. Diese ist ihm erst aus der weiteren politischen Entwicklung gekommen. In der ersten Zeit seiner Regierung hat Hitler in Reden, Kundgebungen und formulierten Angeboten zunächst die Abrüstung, und als dieses fehlschlug, eine Rüstungsbe begrenzung sowohl Deutschlands wie der anderen Mächte herbeizuführen versucht. Mag man nachträglich behaupten, daß alle diese Angebote nur Schauspielerei gewesen seien. Niemand kann leugnen, daß sie zum Ernst geführt werden konnten, wenn das Ausland auf eine Erörterung dieser Angebote eingegangen wäre Erst als dies nicht geschah, wurde die Aufrüstung von Deutschland mit Nachdruck betrieben.

Nun tastete sich Hitler in der Außenpolitik vor. Er schied Deutschland aus dem Völkerbund aus. Er begann aufzurüsten und stieß auf keinen Widerstand. Es folgte die öffentliche Ankündigung des Aufbaus einer Luftwaffe und die gesetzliche Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht sowie die Remilitarisierung des Rheinlandes, eine Maßnahme schrittweise nach der anderen. Daß er in keinem Falle auf Behinderung durch das Ausland stieß, machte ihn kühner. Hitler war von Natur durchaus nicht mutig. Er war nicht furchtsam, eine Gefahr schreckte ihn nicht, solange sie nicht eintrat. Zeigte man ihm eine drohende Gefahr, so redete er sie sich und den anderen aus, oft mit den unwahrscheinlichsten Gründen. Aber er war feige, er versagte in der Gefahr. Trat die Gefahr ein, entgegen seinen Ausflüchten, so knickte er zusammen. Ging sie aber vorüber, so wollte er sie hinterher nicht wahrhaben, rühmte sich und prahlte. Ein wirklich energischer Gegenstoß des Auslandes in jenen ersten Jahren hätte das ganze Hitlerprestige zu Fall gebracht. Dieser Gegenstoß erfolgte nicht Hitlers Wille zu bluffen wuchs.

Die Beseitigung der Arbeitslosigkeit wurde von der ganzen Bevölkerung als eine Erlösung empfunden. Der Arbeitslose war nicht mehr Bettler, er verdiente wieder sein Brot, er hatte wieder einen Daseinszweck, eine Lebensberechtigung. So trug auch die Lösung dieses Problems zum Anwachsen des Hitlerschen Prestiges im In- und Auslande erheblich bei.

Leider wurde Hitler durch dieses Anwachsen seines Prestiges und insbesondere durch seine außenpolitischen Erfolge in der Auffassung von der Richtigkeit seiner Regierungsmethoden bestärkt. Keine seiner Brutalitäten und Ungerechtigkeiten hatte ihn für Verhandlungen mit dem Auslande ungeeignet gemacht. Das Ausland behandelte ihn auf dem Fuße der Gleichberechtigung. Alles, was ihm die anständigen Elemente der inneren Politik als Verbrechen anrechneten, wurde ausgelöscht von den Händedrücken seiner außenpolitischen Partner. Man sah über alle Rücksichtslosigkeiten hinweg, mit denen er gegen seine innerpolitischen Widersacher vorging. Wenn man den heutigen Widerstand der Westmächte gegen alle totalitären Bestrebungen in den verschiedensten Ländern in Betracht zieht, so erscheint das damalige Verhalten der ausländischen Politiker gegenüber dem Hitlerregime nur um so unverständlicher.

Bei der großen Masse der eigenen Bevölkerung verstand es Hitler wohl, sich beliebt zu machen, und zwar eine Reihe von Jahren lang. Herrlich wußte er auf dem wohltemperierten Klavier spießerischer Herzen zu spielen. In seiner Wiener Frühzeit hatte er geseufzt: "Nur einmal seidene Hemden und Lackschuhe tragen." Jetzt trug er sie. Aber der Masse zeigte er sich als den schlichten Mann, den Arbeiter aus ihren eignen Reihen, der er nie gewesen war, den Meldegänger und Gefreiten des Weltkriegs. Er herzte die Kinder, ließ sich Blumen überreichen, gab Invaliden und Kriegerwitwen die Hand und – ließ sich stets dabei für die Wochenschau filmen, damit das Publikum in den Lichtspieltheatern ihn bestaunen und bewundern konnte. Alles war auf Effekt berechnet. Die Legende von dem einfachen Leben Hitlers ist eine grobe Täuschung Er war zwar Nichtraucher, Antialkoholiker und Vegetarier, aber nicht aus Einfachheit, sondern aus Gesundheitsrücksichten. Er wohnte im größten Luxus, hatte Flugzeuge und Auto jederzeit beliebig zur Verfügung. Dieser Mann, der die Dreistigkeit hatte, sich vor der Öffentlichkeit zu rühmen, er habe kein Bankkonto, war vielfacher Millionär allein durch seine Einnahmen aus dem Eher-Verlag. Als ich einst auf dem Obersalzberg seinen dortigen großartigen Besitz und seine dementsprechende Lebensweise hervorhob mit den betonten Worten: "Ich lebe noch genau so wie vor zehn Jahren", wurde er richtig verlegen und entschuldigte sich damit, daß ihm die Partei das alles hingestellt und geschenkt habe. Diese Verlegenheit überkam ihn immer, wenn er einem Bekenntnis persönlichster Natur nicht ausweichen konnte. Sie war eigentlich das sympathischste an ihm, da sie erkennen ließ, daß ihm ein Gefühl für das Mißverhältnis geblieben war zwischen seinem Ursprung aus der Tiefe und dem gelungenen Sprung auf die Höhe.