Der neunundachtzigjährige norwegische "Kollaborateur" Knut Hamsun lebt, wie ein italienischer Journalist, der ihn besuchte, zu berichten weiß, nunmehr in einem Armenhaus. Sein Gut Noerholfmen hat er verkaufen müssen, um die 400 000 Kronen Strafe für seine politische Torheit bezahlen zu können.

Politische Torheit ist kein Ruhmesblatt in der Lebensgeschichte eines Mannes, der durch sein Lebenswerk sich selbst eine leuchtende Ruhmesgeschichte geschrieben hat. Wahrscheinlich freilich sind solcher Torheiten gerade bedeutende Geister eher fähig als kleinere, gewitztere, die gewöhnter und gewandter sind in der Welt der wechselnden Erscheinungen.

Das Armenhaus als Stätte der letzten Lebensjahre eines großen Dichters von Weltrangist auch kein Ruhmesblatt in der Geschichte einer Welt, die so viele Worte macht um ihr Bemühen, die abendländische Kultur vor drohenden Verfall zu retten. Als Mozart im Armengrab verscharrt wurde, war immerhin sein Ruhm noch verhältnismäßig begrenzt und noch nicht einmal unumstritten; und das Kulturgeschrei war noch: nicht an der Tagesordnung. Das mindert die Verantwortung der Schuldigen, wenigstens aus der Perspektive der damaligen Zeit. Für das Armenhaus Knut Hamsuns entfallen solche Versöhnungsgründe. Es soll gerechtfertigt sein durch die Alterstorheit eines Weisen, dessen Urteil sich trübte, als er vermeinte, Englandfeindschaft müsse in jedem Falle eine gute Sache sein, die auch seiner Nation auf weitere Sicht zum Vorteil ausschlagen werde.

Wiegt solche Torheit schwerer als ein ganzes Lebenswerk, das ein Geschenk an die Menschheit war? Wir müßten überreich mit solchen Werken gesegnet sein, wenn wir es uns leisten könnten, mit ihren Schöpfern so mißächtlich umzuspringen. Denn mißächtlich ist es, sie mit derselben Elle zu messen wie Hinz und Kunz. Der Grundsatz der Gleichheit vor dem Recht bedarf doch wohl der Regulierung durch die Einsicht, daß, wenn zwei dasselbe tun, es nicht dasselbe ist.

Frühere, noch nicht so fortgeschrittene Zeiten wußten besser darum. Sie dachten nicht daran, politisches Verhalten zum Wertmesser jedweder geistigen Persönlichkeit zu machen. Sie wußten, daß zumeist das scheinbar politische Verhalten solcher Menschen gar nicht politisch ist, sondern höchstens der ungeschickte Versuch, sich durch die verschiedenen Ansprüche der politischen Welt irgenwie hindurchzulavieren – im Interesse der eigenen Arbeitsfreiheit, des eigenen Werkes. Hätten jene vergangenen Zeiten schon wie die unsere den politischen Aspekt für den denkbar höchsten, verbindlichsten, über alle Wertsetzung entscheidenden gehalten – vielleicht wüßten wir heute nichts mehr von Michelangelo, Lionardo, Goya und vielen anderen politisch "schwankenden Gestalten", denen wir nebenbei auch noch Goethe zugesellen dürfen. Das hätte allerdings den Vorteil, daß wir uns heute nicht den Kopf zu zerbrechen brauchten um die Erhaltung "heiliger. Kulturgüter". Vivant sequentes! – denen diese Sorge eines Tages bestimmt erspart bleiben wird, wenn wir in diesem Stil weiterhin "Fortschritt" machen!Walter Abendroth