Südliclie Erinnerungen von René Prevost

Balkone sind hängende Kleingärten der Groß-Stadt, umrankt von den Blumengewinden sommerlicher Freude. Sie sind wie Blumensträuße an steinerner Brust. Traumschiffchen, die nie verreisen. Festliche Altärchen der geduldigen Erwartung. Wiegen der schweifenden Phantasie. Luftige Kerkerzellen der Sehnsucht. Wer ahnt, wie viele fiebernde Frauenherzen sich über ihre Brüstung gebeugt, vertrauten Schritten lauschend, die nicht kamen. Frankreichs Legendenprinzessin Anne hatte sich den höchsten Turm ausgesucht und verblühte in Erwartung der unirdischsten Liebe.

Ich weiß einen kleinen Balkon, da hat meine Kindheit herrlich gethront über einer alten Stadt und dem heimatlichen Land ringsum. Ich sah es wieder, das alte Patrizierhaus. An seiner scharfen Kante, die einen stattlichen Platz beherrscht, hängt er noch immer gleich einer fürwitzigen Nase, der winzige Balkon, auf dem meine Knabenneugier einst soviel Raum fand für Spiel und Traum. Daß er so klein ist, angeklebt wie eine Faschingsnase, hatte ich damals gar nicht bemerkt, als er der Thron meiner glücklichen Kindheit war.

Später, viel später, sah ich solch einen kleinen Balkon in Verona, an der Piazza d’Erbe, dieser ersten bezaubernden Vision Italiens für alle, die von Norden kommen. Man sagt, auf diesem Balkon habe einst Julia auf Romeo gewartet. Er ist klein und kahl und so gar nicht "romantisch". Aber die Romantik bringen wir ja mit!

Der Balkon – "Mirador" im klangvollen Spanisch – ist eine Erfindung des südlichen Himmels. In jenen warmen Zonen erscheint es ganz natürlich, daß die Menschen lieber draußen leben als drinnen, daß Marktplatz und Straße das Kontor ersetzen und die Abgeschlossenheit unserer Arbeits- und Plauderstuben; daß alles Leben dort zusammenströmt im wogenden Einklang, wie im Zusammenprall der politischen Gegensätze und in den kleinen selbstsüchtigen Zwisten des Alltags.

Noch weiter südwärts freilich, jenseits des blauen Meeres, im arabischen Afrika und in jenen Teilen Spaniens, wo maurische Art noch die alten Städtebilder beherrscht, lernt man eine Verschlossenheit kennen, die ganz streng nach innen lebt, nach dem brunnenkühlen "Patio", dem schattigen Hof, diesem Herzen des Heims, wo der Oleander blüht und das von der fensterlosen Straßenfront abgekehrte Gesicht des Hauses sein lächelndes Geheimnis lüftet. Oh, diese trostlosen, feindseligen Straßen maurischer Städte, in denen man sich als Bettler fühlt, als Eindringling zwischen schneeweißen, grellkahlen Mauern verlassen und verloren! Wie sehnt man sich dort manchmal, ehe man sich richtig eingelebt, etwas weiter nordwärts, in die glückliche Zone der zahllosen freudig-offenherzigen Balkonhäuser, von denen es Tag und Nacht lächelt und zwitschert, winkt und flüstert!

Für den Südländer ist der Balkon weniger ein gepflegtes Zierstück als ein ständiger Gebrauchsgegenstand. Freilich, Blumen gehören dazu, vor allem im Tessin. Doch gibt es im Süden, auch eine Unzahl schlichter, erschreckend nüchterner Balkone, die keinerlei Schönheit aufweisen, als Schmuck nur die trocknende Kinderwäsche kennen und gerade in ihrer Dürftigkeit nach so voll lebendiger Poesie sind. In den engen Gassen der alten "Santa Lucia oder des Hafenviertels von Genua sahen wir sie als starre Eisengitter an den Fronten jener Häuser hängen, die keine Schwelle besitzen, keine Tür, die man abschließen kann, nur einen bunten Vorhangfetzen, weil sie selbst ein Stück Straße sind. Dort sind auch die Balkone ein Stück himmelwärts gehobener Straße. Denn diese ist hier alles: des Menschen Heim und Weltinhalt. Dort spinnen sich zwischen den Balkonen die Netze einer selbstverständlichen Gemeinschaft. Wie der Flug der Tauben flattern Liebe und Haß, Lachen und Fluch unablässig hin und her. Man schließt Geschäfte, spinnt Gespräche an, erörtert Schicksale. Ich weiß eine Balkonterrasse irrt älteren Tevere-Viertel Roms, von wo man die ganze Ewige Stadt überschaut und nie müde würde des täglichen Rundblicks in die wimmelnde Weltstadt. An besonderen Tagen, bei liederseligen Volksfesten muß man die südlichen Balkone gesehen haben, zum Brechen beladen mit bunt winkender, augensprühender, gesprächiger Freude.