Während der demokratische Westen Berlins versucht, mit öffentlichen Protesten dem kommunistischen Terror zu begegnen, spinnt aus dem Halbdunkel eines langgestreckten Baues mit zahllosen Korridoren und Lichtschächten nahe dem Alexanderplatz einer der gelehrigsten Schüler des Moskauer MWD-Chefs Beria sein ständig dichter werdendes Netz von Agenten über die ehemalige Reichshauptstadt. Kriminalrat Otto Fruck, früher Kraftfahrer und heute Leiter der wichtigsten Abteilung der Kriminalpolizei Berlin-Ost, lächelt matt, wenn von der Gestapo die Rede ist, und nennt sie "Anfänger und Bürger". Sein Metier ist die Menschenjagd mit asiatischen Methoden.

Wie auch sein Freund und formeller Vorgesetzter, Markgraf, wurde Fruck vor zwei Jahren mit besonderer "Polizei-Eignung" von Moskau nach Berlin gebracht. Sein Name erscheint nicht in den Schlagzeilen der Presse; seine Vollmachten jedoch übersteigen bei weitem die von Markgraf. Und während jener in den letzten Monaten manchen Rüffel von hoher sowjetischer Stelle einstecken mußte, ist der 45jährige deutsche "GPU-Chef Berlins" auch heute noch persona grata in Karlshorst. Denn im sowjetischen Hauptquartier kennt man nur zu gut den Wert des belastenden Materials, das Fruck unerbittlich über jeden prominenten Berliner Politiker in einer Skandalchronik zusammenträgt, und das schon in mehr als einem Fall den Betroffenen vor die Alternative stellte, von der Bühne abzutreten oder ein willenloses Werkzeug der Sowjets zu werden.

Fracks "Kopfjäger", wie die Angehörigen des Dezernats "F" (Fahndung) in eingeweihten Kreisen heißen, haben vor niemandem Respekt; nicht einmal die Spitzen der kommunistischen Hierarchie sind vor ihren Spürnasen sicher. Sie überwachen Otto Grotewohl, seine Post, seine Telefonate und seinen Kontakt zu alten SPD-Bekannten genau so, wie sie Fritz Ebert jun. in Potsdam zu jeder Stunde auf den Fersen sind.

Sie haben Spitzel in allen großen Betrieben der Industrie, in Banken und Parteizentralen; sie bereiten Entführungen vor, die dann von MWD-Männern durchgeführt werden. Selbst Polizeibeamte, ob mittlere, hohe oder höchste, zittern, wenn sie in das düstere Haus in der Dirksenstraße bestellt werden. Dort gibt es keinen kollegialen Ton, keine angebotene Zigarre oder gar eine freundschaftliche Warnung. Jener Mann, dem einst ein geflüchteter Kollege auf seiner Abschiedskarte die Frage stellte: "Schreckt dich das Schicksal Himmlers nicht?" kennt nur ein Ziel: die Durchführung seines Auftrages; nur eine Furcht: die Angst vor dem Mißerfolg.

–er