Über dem Stadthimmel erschien eines Morgens gegen 10 Uhr eine riesige Faust, die sich langsam wie eine Kralle öffnete und unbeweglich, gleich einem unendlichen Baldachin des Unglücks, hängen blieb. Sie schien aus Stein und dann aus Fleisch gemacht und war doch weder Stein noch Fleisch, sie glich den Wolken und war doch keine Wolke. Es war Gott und der Weltuntergang. Ein Flüstern, das zum Jammern und dann zum Schrei wurde, durchlief die Straßen, bis es wie eine einzige unendliche Stimme senkrecht in die Höhe stieg.

Luisa und Pietro befanden sich auf einem kleinen Platz, der um diese Zeit von der Sonne erwärmt dalag und von Gärten und Palästen eingeschlossen war. Doch in schwindelnder Höhe hing die Hand am Himmel: Fenster wurden unter erschreckten Zurufen aufgestoßen, während sich der erste Aufschrei der Stadt nach und nach zu legen begann. Junge, notdürftig bekleidete Frauen erschienen an der Brüstung, um die Apokalypse zu sehen. Aus den Häusern strömten die Leute, es schien, als fühlten sie die Notwendigkeit, sich zu bewegen, etwas tun, ganz gleich was. Luisa brach in Tränen aus. "Ich wußte es ja", sagte sie unter Schluchzen, "einmal müßte es so enden..., niemals in die Kirche gehen, keine Gebete sagen, sich darüber lustig machen und jetzt .. ., ich wußte es, daß es so kommen würde." Was konnte Pietro nur vorbringen, um sie zu trösten. Er fing auch wie ein Kind zu weinen an. Fast alle Leute weinten, besonders die Frauen. Nur zwei Mönche, rüstige Greise, gingen fast zufrieden durch die Menge. "Nun seid ihr mit aller eurer Überheblichkeit zu Ende?" sagten sie fast fröhlich, sich zu den ansehnlicheren der Umstehenden wendend. "Jetzt sind eben doch wir die Klügeren gewesen (und dabei kicherten sie), wir, die angeblichen Dummköpfe, wir, die Tröpfe, jetzt stellt es sich heraus." Und fröhlich wie Schulbuben spazierten sie durch die Leute, die sie böse anblickten, aber nicht zu reagieren wagten. Sie waren schon in einer engen Gasse verschwunden, als sich ein Herr an die Stirn griff und ihnen nachzulaufen versuchte. "Gott im Himmel", rief er, "wir hätten ja ihnen beichten können." "Verflucht", schrie ein anderer, "da, waren wir aber schön dumm, da hatten wir sie gerade unter der Nase und haben sie entwischen lassen."

Unterdessen kehrten Frauen und auch Männer enttäuscht und sorgenvoll aus den Kirchen zurück. Die besten Beichtväter waren verschwunden, erzählten sie, wahrscheinlich von den Großindustriellen und Behörden beschlagnahmt. Seltsam, es schien, als ob das Geld noch nicht seinen Wert verloren hatte, trotzdem man doch am Weltende angelangt war. Wer weiß, vielleicht fehlten doch noch einige Minuten oder auch Stunden und Tage am wirklichen Ende. Was die übriggebliebenen Beichtväter anbetraf, so: hatte sich um ihre Kirchen eine beunruhigend, große Menschenmenge angesammelt, und es war gar nicht daran zu denken, bis zu ihnen vorzudringen. Man erzählte sich sogar von Zwischenfällen, die eben des großen Andranges wegen vorgekommen seien, und von als Pfarrer verkleideten Betrügern, die sich angeboten hatten, die Beichte gegen hohe Entschädigung auch zu Hause abzunehmen. Die jungen Paare hingegen suchten ganz, offensichtlich einsame Gärten und Wiesen auf, um sich noch einmal der Liebe hinzugeben. Inzwischen war die Hand erdfarben geworden, trotzdem die Sonne hell schien, und flößte so noch mehr Schrecken ein. Deswegen begannen Gerüchte umzulaufen, die von einem sofortigen Ende sprachen; einige versicherten sogar, daß es, nicht mehr bis Mittag dauern würde.

In diesem Augenblick wurde in dem eleganten, Bogengang eines Hauses, welches etwas über dem Straßenniveau gelegen war und zu dem zwei fächerförmige Treppen hinaufführten, ein junger: Pfarrer gesehen. Den Kopf eingezogen, schritt er schnell dahin, als hätte er es eilig, von dort wegzukommen. Es war seltsam, einen Priester um diese Zeit in jenem prächtigen Haus, das von Kurtisanen bewohnt war, zu erblicken. "Ein Priester, ein Priester", hörte man von einer Seite-, rufen. Blitzschnell gelang es den Leuten, ihn zu stellen, ehe er entwischen konnte. "Laß uns beichten, laß uns beichten", rief man ihm zu. Er verfärbte sich, aber sie zogen ihn bis zu einem. kleinen niedlichen Balkon, der aus dem Bogengang. – hervorragte, wie eine bedeckte Kanzel aussah und eigens dafür geschaffen schien. Sofort war sie Männern und Frauen belagert, die von unten her über ornamentale Vorsprünge zu klettern – versuchten oder über die Säulchen klimmten und sich an der Balustrade festhielten, denn die Höhe war sehr groß.

Unterdessen hatte der Pfarrer angefangen die Beichten anzuhören; die 6atemlosen Mitteilungen. Unbekannter, die es selbst nicht einmal störte, daß die andern sie hören konnten. Bevor sie zu Ende gesprochen, zeichnete er schon mit der Hand ein. schnelles Kreuz, absolvierte und wandte sich sofort einem neuen Sünder zu. Aber wie vielewarteten da. Der Priester sah sich verstört um, und maß mit den Blicken die immer weiter anschwellende Flut der auszulöschenden Sünden.

Mit großen Anstrengungen gelang es auch Luisa und Pietro, sich heranzudrängen, an die Reihe zu kommen und angehört zu werden. "Ich habe immer die Messe versäumt und Lügen gesagt", rief das junge Mädchen laut, aus Angst, nicht mehr gehört zu werden und aus dem zwingenden Bedürfnis heraus, sich zu demütigen, "und rechnen Sie mir auch alle andern Sünden an, die, Sie wollen, aber glauben Sie mir, daß ich nicht Aus Angst hier bin, sondern nur um Gott nahe zu sein ..." und sie war sogar überzeugt davon, damit die Waherheit zu sagen. "Ego te absolvo", murmelte der Geistliche und wandte sich Pietro

Aber die unbeschreibliche Angst wuchs in den Menschen. Einer fragte: "Wie lange dauert es noch bis zum Jüngsten Gericht?" und ein anderer, der gut informiert war, schaute die Uhr an und sagte (würdig: "Zehn Minuten". Das hörte der junge Priester und versuchte plötzlich, sich zurückzuziehen. Aber die unersättliche Menge hielt ihn fest. Er schien vom Fieber geschüttelt und es war klar, daß der Strom der Beichten nur wie ein sinnloses Gemurmel zu ihm gelangte. Mechanisch machte er das Zeichen des Kreuzes, eines nach dem andern und wiederholte: "Ego te absolvo ..."