Der politische Hasardeur, der verantwortungslose Abenteurer, dem das Schicksal Deutschlands in die Hände fiel und der es frevelhaft verspielte, das unselige Geschöpf Adolf Hitler kam aus der Tiefe. Seine Herkunft ist unklar. Der Versuch, einen Stammbaum aufzustellen, verliert sich sehr schnell in außerehelichen Geburten Über Hitlers Kindheitsverhältnisse ist wenig bekannt Eine gute Kinderstube hat ihm sicherlich gefehlt Die Schulbildung schlägt bei ihm nicht an er ist lässig und fahrig. Zur Ausbildung einer vorhandenen Anlage zum Zeichnen fehlt ihm der Fleiß. Ich habe einmal im Hause Thyssen ein aus Kuriosität aufgehängtes kleines Ölbild von Hitlers Hand gesehen, dessen Architektur sehr verzeichnet war. Er betreibt nichts mit wirklichem Ernst, auch nicht seine später oft zur Schau getragene Vorliebe für Musik. Er bleibt im Kriege viereinhalb Jahre lang Gefreiter. Für sein späteres Wirken bringt er von Hause aus nichts mit Nichts, außer etwas, das er zunächst nur allein kennt, den Willen.

Die materielle Gedrücktheit seiner Wiener Jünglingsjahre verbindet sich mit der Enttäuschung über den Ausgang des Krieges zu dem Entschluß, in die Politik zu gehen. Diesen Entschluß verfolgt er mit erstaunlicher Beharrlichkeit Dabei ist alles, was er auch hier anfaßt, zunächst dilettantenhaft, unklar und zufällig. Das Thema seiner Reden liegt zwar auf der Hand, Jeder, der damals sprach, konnte bei der allgemeinen Depression der Zustimmung der Massen sicher sein, wenn er sich von konkreten Vorschlägen frei hielt und sich auf die Kritik beschränkte Und konkrete Vorschläge vermied Hitler in seinem Programm. Aber eines hatte Hitler erfaßt, die äußere Aufmachung auf Effekt, die nicht Nachdenken, sondern nur Beachtung herausfordert, die Sensation hervorruft. Welch wunderbarer. Gemeinplatz "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" oder "Brechung der Zinsknechtschaft" Niemand weiß, was es besagen will oder wie man das macht, aber es klingt großartig. Welch wunderbare Einleitung einer Putschversammlung durch den Revolverschuß an die Saaldecke. Ein richtiger Knalleffekt.

Dennoch ist Hitler bei dem gesunden Sinn des deutschen Volkes vorerst kein großer Erfolg beschieden Es bleibt beim Bestaunen des sensationellen Gebarens der Uniformen; Umzüge, Standarten und Fahnen, Musik, Demonstrationsmärsche, hochtrabenden Rangbezeichnungen, auffallenden Würdeabzeichen, Massenversammlungen, Scheinwerferbeleuchtung, Sprechchöre, Kampflieder. Alles dies vermag, den Zulauf zur Partei nicht auffällig zu steigern. Nur eines kommt Hitler zu Hilfe: die Not des deutschen Volkes, die entsetzliche Not, aus der die derzeit Regierenden keinen Ausweg wissen. Erst von 1929 an, als die durch Auslandskredite hervorgerufene Scheinblüte endet und die Zahl der Arbeitslosen anschwillt, beginnt Hitlers Weizen zu blühen. Nicht seine Fähigkeit trägt ihn nach oben, sondern die Unfähigkeit der anderen, die Unfähigkeit der Regierenden, aus eigener Kraft das Schicksal zu wenden oder vom Auslande eine Erleichterung der Lage zu erlangen

Bei der wachsenden Verzweiflung der deutschen Bevölkerung mußte jede oppositionelle Parteigruppe Zulauf gewinnen, die eine Besserung der Verhältnisse in Aussicht stellte. Auch der Kommunismus gewann an Stimmenzahl. Aber die Wählermassen kannte Hitler besser. Er gründete nicht auf politischen Theorien nach Marx und Lenin, er gründete auf dem Gefühl und den landläufigen Trieben der Massen. Er verlangte kein Nachdenken über die Richtigkeit doktrinärer Dogmen oder ökonomischer Postulate. Er hielt sich nicht bei den Methoden auf, wie man die Dinge ändern könne, er zeigte nur das Ziel, das Was, aber nicht das Wie. Das Wie war er selber, war seine nationalsozialistische Partei. Nicht den Umsturz der Gesellschaftsordnung verlangte er, nicht die Auflösung der politischen Ordnung, nicht die Entthronung der Kirche, nicht den Verzicht des Stolzes auf nationale Überlieferung, nicht die Herrschaft einer Klasse, er forderte nur die Herrschaft für sich, für seine Partei, um das Volk aus allem Elend herauszuführen Er proklamierte Schutz der Familie, sie ist die Grundlage der menschlichen Gesellschaft, Bewahrung des Christentums, ohne das kein Staat bestehen kann, Behauptung des Nationalbewußtseins, das unsere Gemeinschaft stützt, Zusammenwirken aller Klassen, das den sozialen Frieden verbürgt. Mit solchen traditionell bewährten und eingewurzelten Auffassungen will er dem deutschen Volke Frieden und Freiheit, Arbeit und Brot geben-Er erinnert an die großen geschichtlichen und kulturellen Errungenschaften des deutschen Volkes. Er verurteilt zwar die noch frisch im Gedächtnis haftenden Fehler der wilhelminischen Politik, aber aus der älteren Vergangenheit holte er von Karl dem Großen bis zu Friedrich dem Großen und Bismarck alle überragenden politischen Gestalten hervor, die ihm als Vorbilder leuchten, und gibt den Eindruck, als ob die nationalsozialistische Partei keine andere Berufung habe als das Werk dieser großen Vorfahren fortzusetzen.

In dieses Bild des Festhaltens im geschichtlich Gewordenen gehört auch das laute niemand des "Preußentums". In Wirklichkeit hat niemand das Preußentum so kompromittiert wie dieser nach oben geschaukelte Glücksjäger. Es war sein Minderwertigkeitskomplex, der hinter der historischen Dekoration Deckung suchte. Nicht Vorbild waren ihm der große Friedrich und andere, sondem Windschutzscheibe. Man hat, besonders in gewissen süddeutschen und rheinischen Kreisen, das Hitlerregime als typisch preußisch hinstellen wollen. Aber die Feststellung ist nicht uninteressant, daß außer Funk, dem sogar das Nürnberger Urteil seine Einflußlosigkeit bescheinigt, nicht ein einziger Preuße in der Reichsregierung oder in der Hitlerumgebung war. Es waren nahezu alles Süddeutsche und Rheinländer. Von Friedrichs des Großen staatspolitischer Pflichtauffassung, von seiner sparsamen Einfachheit und seiner charakterlichen Sauberkeit war das Hitlerregime weit entfernt. Friedrich der Große und das Preußentum waren für Hitler nur Aufmachung, Schlagzeile, Überschrift, hinter denen sich die niedrigsten Instinkte straflos austoben konnten.