Läßt sich der Schwarze Markt in Fleisch durch eine teilweise Freigabe überwinden? Über diese Frage ist es zu einem scharfen Konflikt zwischen den Frankfurter Instanzen gekommen, über den unser Korrespondent nachstehend berichtet. Uns scheint aus sozialen Gründen ein Freiverkauf von Fleisch zu hohen Preisen nicht vertretbar, solange die Fleischversorgung der gesamten Bevölkerung noch so minimal ist und vorerst bleiben wird.

Zwischen den Agrarausschüssen der gesetzgebenden Körperschaften in Frankfurt und der Verwaltung für Ernährung und Landwirtschaft ist es in der Frage der Fleischbewirtschaftung zu ernsten Meinungsverschiedenheiten gekommen. Die Mehrheit des Ernährungsausschusses hat sich für eine modifizierte Durchführung des Lübke-Plans entschieden, der auf eine Marktspaltung hinausläuft. Etwa 10 v. H. des aus deutscher Erzeugung kommenden Fleisches sollen als freie Spitze, ohne Markenabgabe zu erhöhten Preisen verkauft werden. Weitere IQ v. H. wurden schon bisher als Schwund angerechnet. Auch davon geht erfahrungsgemäß ein Teil über den freien Verkauf in den Konsum. Aus dem Mehrerlös dieses frei verkauften Fleisches soll der finanzielle Ausgleich für die ermäßigten Preise des bewirtschafteten Fleisches geschaffen werden (die monatliche Ration des Normalverbrauchers soll 300 g sein). Das auf Karten bezogene Fleisch soll um 10–15 Pfennig je Pfund, also um etwa 10 v. H. teurer verkauft werden. Das frei verkaufte Fleisch dürfte ungefähr 6 DM je Pfund kosten. Dadurch ergebe sich nach der Auffassung der Mehrheit des Ernährungsausschusses die Möglichkeit, die Erzeugerpreise für Schlachtvieh um durchschnittlich 40 v. H. zu erhöhen. Um zu vermeiden, daß die Bauern, angelockt von den hohen Viehpreisen, ihre Produktion hauptsächlich auf Viehwirtschaft umstellen, soll der Weizenpreis auf 240, der Roggenpreis auf 120 DM je t heraufgesetzt werden.

Gegen diesen Plan wenden der Direktor der Verwaltung für Ernährung und Landwirtschaft und seine Mitarbeiter ein, daß eine wirksame Kontrolle des Fleischverkaufs auf dem gespaltenen Markt nicht durchgeführt werden könne. Auch beim besten Willen würde es in Kürze nicht mehr möglich sein, den Minderbemittelten die ihnen zugesagten 300 g Fleisch monatlich zu dem verbilligten Preis abzugeben. Die freie Spitze sei das Loch in dem Damm der Bewirtschaftung, das ihm zum Verhängnis werden müsse. Solche Erfahrungen habe man mit der teilweisen Freigabe des Fleischverkaufs in den Vereinigten Staaten und auch in der Ostzone Deutschlands gemacht. Daß die Begrenzung auf 10 v. H. auf die Dauer nicht eingehalten werden könnte, ergebe sich schon aus einer kürzlich geäußerten Forderung von Fleischerverbänden, deren Vertreter ganz offen davon gesprochen hätten, daß ihnen mindestens 25 v. H. des inländischen Fleisches zum freien Verkauf überlassen werden müßte, wenn der finanzielle Ausgleich für das billige Markenfleisch ermöglicht werden soll.

Schlange-Schöningen, brachte einen eigenen Vorschlag ein. Er sah die volle Beibehaltung der Bewirtschaftung vor. Die Viehpreise sollten erhöht, die Mehrbelastung auf das rationierte Fleisch umgelegt werden. Die Verwaltung für Ernährung und Landwirtschaft wehrt sich gegen die Forderungen der Bauern- und der Fleischerverbände. Sie steht auf dem Standpunkt, die Lebenshaltungskosten dürften nicht so verteuert werden, daß eine umfassende Lohnbewegung und damit die Gefahr einer inflationistischen Entwicklung ausgelöst würde. Die vorhandene Fleischmenge sei viel zu gering, als daß die Bewirtschaftung aufgegeben werden könnte. Die Inlandsproduktion an Fleisch sei so klein, daß 5 v. H. der Bevölkerung imstande wären, die gesamte aus ihr kommende Fleischmenge zu verzehren, ohne daß sie sich dabei den Magen verderben würden. Angesichts eines solchen Mißverhältnisses zwischen Angebot und Nachfrage könne man nicht auf die Rationierung verzichten.

Die Mehrheit des Ernährungsausschusses beharrte aber auf ihrer Stellungnahme und beauftragte den Direktor für Ernährung und Landwirtschaft, einen entsprechenden Vorschlag auszuarbeiten: Welche Konsequenzen sich aus dieser divergierenden Auffassung ergeben werden, läßt sich noch nicht übersehen. Es geht jedenfalls um agrarpolitische und vielleicht auch um politische Entscheidungen von großer Tragweite. R. S.