Eine Paul-Wegener-Erinnerung von Kurt Tegtmeier

Paul Wegener, der große Darsteller des Dämonischen, ist am 13. September in Berlin gestorben. Er war als Mensch ein sehr eigener Charakter, einer, der sich auch in den Jahren treu blieb, als dies nicht gerade leicht war. Besser als eine ausführliche Beschreibung seines Wesens kennzeichnet den Menschen Wegener folgendes seltsame Erlebnis, das er im Anschluß an eine Aufführung erzählte.

Ich spielte in Berlin, auf der Piscator-Bühne am Nollendorfer Platz, den "Rasputin", begann Wegener seine Erzählung. "Die Premiere war am 12. November 1927. Rasputin, der heilige Teufel, der Staretz, das war meine Rolle! Brecht, Gasbarri und Leo Lania hatten das etwas dürftige Textbuch Alexej Tolstois noch um viele Szenen bereichert. Ich habe damals die Bücher von Zamka, Fülop-Miller, Lensky, Thompson Und Naschiwin über Rasputin verschlungen. Um so intensiver war mein Bemühen, mich in die Rolle hineinzuleben. Ich litt fast an Schizophrenie und bildete mir ein, wirklich Rasputin zu sein."

Während dieser Erzählung schien sich Wegener Merkwürdig zu verwandeln. Das zerfurchte Schauspielergesicht mit der stumpfen Nase, den hervortretenden Backenknochen und den jetzt lauernd zusammengekniffenen Schlitzaugen, ja, das war die Maske Rasputins!

"Der Tag der Premiere kam. Tilla Durieux spielte die Zarin, und ich war Rasputin. Als ich in der Pause in meiner Garderobe erschöpft auf den Stuhl sank, stand plötzlich aufgeregt gestikulierend ein fremder Mann vor mir. Er protestierte gegen meine Darstellung, wollte mir beschwörend seine Ansicht klarmachen, wobei er sich wandte wie ein Regenwurm. Die Vorgänge seien anders, ganz anders gewesen! Das Klingelzeichen zum Auftritt rief mich auf die Bühne. Nach dem nächsten Akt war der Fremde wieder da. Ich verwies den unheimlichen Mann an den Autor des Stückes. Schließlich spielte ich eine Dichtung und nicht Historie. Er kam wieder. Er kam am nächsten Abend wieder und war am übernächsten Abend wieder da. Ich ließ ihn schließlich, da nichts half, kurzerhand durch Bühnenarbeiter und Feuerwehr hinauswerfen. Er war am darauffolgenden Abend wieder da! Sah ich vor Beginn der Aufführung ins Publikum, gewahrte ich den unheimlichen Gast auf seinem Platz in der ersten Reihe. Wochenlang. Zuletzt wurde ich nervös; ich litt unter der Zwangsvorstellung, er könne aus dem Parkett auf mich schießen! Was, um alles in der Welt, mochte diesen Besucher veranlassen, immer wiederzukommen und immer wieder zu protestieren? Nun, eines Tages habe ich erfahren, wer der unheimliche Gast war: ein damals in Berlin lebender russischer Emigrant, Fürst Jussopow, ja, er selbst, der Mörder Rasputins!"