Der Existentialismus, der seine bedeutendsten Vertrete bisher in Deutschland und Frankreich aufwies, bat nun auch in Italien Boden gewonnen. Der italienische PhilosophieproArt zu klassifizieren ist vom ursprünglichen philosophischen Denken weit entfernt.

Man behauptet, daß der Existentialismus das menschliche Dasein im wesentlichen tragisch oder dramatisch sieht. Das soll angeblich sowohl für die phänomenologischen Analysen Sartres in seinen philosophischen Abhandlungen (Letre et le neant), wie auch für seine dramatischen Werke Geltung haben. Die Frage ist aber berechtigt, ob mit all diesem Gerede über Existentialismus und über den dramatischen Charakter der menschlichen Existenz die eigentlichen Probleme überhaupt erfaßt werden. Die Naturwissenschaften, zum Beispiel, nehmen für sich in Anspruch, vom Existentialismus gar nicht berührt zu werden, ja sie halten sich sogar etwas darauf zugute, nicht an persönliche Momente gebunden zu sein, sondern einen zeitlosen, ortlosen und anonymen Charakter zu haben. Mir liegt daran, die philosophischen Forderungen des Existentialismus klar herauszustellen, und zwar ausgehend vom Phänomen der Wissenschaft, um von hieraus die Bedeutung des vielbesprochenen dramatischen Elements zu erhellen.

Die Einzelwissenschaften und die existentialistische Forderung Heute wird allgemein von der Krisis der Naturwissenschaften, der Physik, der Mathematik und so fort gesprochen. Die Grundprinzipien, von denen die Einzelwissenschaften ihren Ausgang nahmen, entsprechen den neuen Anforderungen nicht mehr, und man ist gezwungen, von neuen Axiomen auszugehen. In den Naturwissenschaften tritt ein Grundmißverständnis immer klarer zutage. Es entspringt der Überzeugung, daß die gegenwärtige Krisis wenigstens teilweise durch eine neue philosophische Begründung der Wissenschaften überwunden werden könne. Denn das Suchen nach neuen Prinzipien und Axiomen sei doch philosophischer Natur, da die Phuosophie ja ihrem Wesen nach Wissenschaft der Prinzipien sei.

Hier muß aber bemerkt werden, daß die Grundlagenforschung der Einzelwissenschaften nichts mit Philosophie zu schaffen hat. Die Einzelwissenschaften sind um die für ihre spezielle Fragestellung fruchtbaren Prinzipien bemüht. Sie befassen sich dagegen nicht mit Allgerneinprimzipien. Anderseits können auch die Prinzipien der Einzelwissenschaften nicht von allgemeinen Spekulationen abgeleitet werden. Wir haben gesagt, daß sich die Einzelwissenschaft etwas auf ihren unpersönlichen Charakter zugute hält: die ganze wissenschaftliche Haltung erschöpft sich darin, die Fragestellung aus dem Prinzip der Einzelwissenschaft zu entwickeln: jedes subjektive Moment würde in der Tat das objektive Ergebnis gefährden. Dementsprechend richtet sich die wissenschaftliche Abhandlung an ein anonymes Publikum.

Betrachtet man aber die Objektivität der Einzelwissenschaften näher, so erweist sich, daß im Gegensatz zu dieser Oberzeugung der Einzelwissenschaften eine durchaus enge Bindung an die xistentiellen Ansprüche gegeben ist. Diese Ansprüche bekunden sich nicht sosehr in der Tatsache, daß die Einzelwissenschaften, um einen konkreten Sinn zu haben, in irgendeiner Weise existentiellen Bedürfnissen entsprechen müssen, sondern- in der metaphysischen Struktur der Einzeiwissenschaften selbst Der Stoff einer Forschung ist das Gebiet d Möglichen, und die Grenzen der erforschten Möglihkeiten werden von den Grenzen der Fragen selbst abgesteckt. So bildet sich der Stoff einer Einzelwisseniduft gleichzeitig mit der Fragestellung. Wo aber wurzeln Prinzipien und Stoff der Einzel Wissenschaften? Es ist unsere Grunderfahrung, daß wir uns inmitten einer Mannigfaltigkeit befinden, der gegenüber wir uns ständig entscheiden müssen. Sie tritt also als eine uns unmittelbar angehende Möglichkeit auf. Mithin liegen die Möglichkeiten innerhalb der Grenzen dessen, was uns "an geht". Jede Wissenschaft ist daher nur insoweit begründet, als sie in dem wurzelt, was den Menschen ursprünglich angeht, also gerade in einem existentiellen "An spruch". Weil es einen Anspruch gibt, dem wir in den verschiedenen Wissenschaften genau so entsprechen müssen, wie in den verschiedenen menschlichen Situationen, erkennen wir, daß die Wirklichkeit niemals gleichgültig ist, ja, daß wir uns überhaupt erst auf Grund von etwas bewegen, das uns "an geht. Daß uns etwas angeht, ist auch der Grund, warum unsere Tätigkeit gelingen oder scheitern kann. Weil uns etwas angeht, sind wir nicht freischwebend im Nichts, sondern schon gebunden. Diese unsere Gebundenheit bildet nun das Wesen des tragischen oder dramatischen Charakters unserer Existenz, wobei der Ausdruck "Tragisch" — wie ursprünglich bei den Griechen, zum Beispiel in der aristotelischen Auffassung der Tragödie — überhaupt noch keine pessimistische Bedeutung hat. Das Tragische unseres menschlichen Daseins liegt vielmehr in jener unabwendbaren Bindung, die zunächst weder pessimistisch noch optimistisch ausgelegt werden darf. Dieser Begriff des "Tragischen" ist wesentlich für jede nähere Bestimmung unserer menschlichen Existenz. Er bildet auch die ursprüngliche Grundlage der Einzelwissenschaften.

Die Methode und das Tragische Das Adjektiv "tragisch" — von dem man heute einen so ungenauen und leichtfertigen Gebrauch macht — erhält seine eigentliche Bedeutung erst, wenn wir "es in Zusammenhang mit dem antiken Begriff der Tragödie bestimmen. Traditionell wird die Tragödie in drei Abschnitte aufgeteilt: Prologos, der Anfang — Episodos, die Entwicklung — und Exodos, das Ende. Daß die griechischen Bestimmungen den Ausdruck "odos". (Weg) enthalten, darf nicht übersehen werden. Die Tragödie beginnt, indem sich etwas an bahnt, eine Bahn, die in eine bestimmte Richtung weist. Die Bahn dieses Weges wird durchschritten. Das Ende ist erreicht, wenn wir wieder heraustreten. Wir haben das Bild des Weges auch im Ausdruck "Methode". Die Methode untersucht die Richtung des Weges, den wir einschlagen müssen, um zu einem bestimmten Ziele zu gelangen. Um einen Weg einzuschlagen, muß man zuerst die eigene Weglosigkeit erkennen und erfahren- Wir können aber keine beliebige Richtung einschlagen — denn wir sind schon ursprünglich gebunden. Wir handeln dabei aus der Not, uns in eine bestimmte Richtung wenden zu müssen oder, wie der deutsche Ausdruck besagt, aus "Not wendigkeit". Diese Not wendigkeit enthält die ursprüngliche Bindung, der wir verhaftet sind. Sie ist die Voraussetzung, um einen Weg zu suchen und zu finden. Eine solche Wirklichkeit sichtbar zu machen, ist das Anliegen der antiken aristotelischen Bestimmung der Tragödie. Der Begriff "tragisch" ist also ursprünglich von jeder pessimistischen oder optimistischen Deutung der menschlichen Existenz unabhängig. Wenn daher jemand wie G. Lukacs in seiner marxistischen Deutung des Existentialismus von Nihilismus und Pessimismus einer bürgerlichen, zu Ende gehenden Philosophie spricht, so übersieht er zugunsten einer politischen These das Wesen der hier vorliegenden Probleme.

Die Bedeutung der Tragödie als Sinnbild des menschlichen Daseins besteht darin, daß sie zeigt, wie ein Versagen oder ein Gelingen unseres Handelns schon ein ursprünglicheres Gebundensein voraussetzt, ein Gebundensein innerhalb dessen sich die Möglichkeiten, zu siegen öder unterzugehen, erst eröffnen. Erst wenn diese Bindungen offenbar werden, wird der tragische Charakter der menschlichen Wirklichkeit sichtbar. Nur in diesem Sinne können wir vom Tragischen als der Bedingung, der "condition humaine" sprechen, erst dann retten wir diesen Begriff aus willkürlichen und dilettantischen Deutungen, clie, wie im Falle des letzten Buches von Lukacs (Existentialisme ou marxisme? Paris, 1948), von politischen Absichten ausgehen. Also "tragische" menschliche Existenz? Ja, sobald darunter die menschliche Wirklichkeit in ihrer tiefsten Wurzel verstanden wird. Das Tragische hat also zunächst weder mit einer optimistischen, noch mit einer pessimistischen Deutung zu tun: Die Erkenntnis des tragischen Charakters der menschlichen Existenz in diesem Sinne ist die Voraussetzung für jede methodische Fragestellung.